Europäische Vegetarier Union

Geschrieben/übersetzt von: Hildegund Scholvien

Die vegetarische Bewegung in Deutschland

Anfänge bis 1945

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bestand praktisch die einzige Möglichkeit, sich für eine Sache ak­tiv einzusetzen, im Beitritt zu einem Verein. Alle politischen Aktivitäten waren so gut wie un­möglich. So beginnen auch die Bestrebungen der Lebensreforn und insbesondere des Vegetarismus sich in örtlichen Vereinen zu organisieren. Im Laufe der Jahrzehnte nach 1867 entstand eine Viel­zahl von Vereinen, Organisationen und Vereinszeitschriften.


1867 wurde von Eduard Baltzer der erste vegetarische Verein in Deutschland ins Leben gerufen, der „Deutsche Verein für natürliche Lebensweise“ mit seiner Zeitschrift „Vereinsblatt für Freunde der natürlichen Lebensweise“. Neben dem Baltzerschen Verein entstanden nach und nach mehrere, weitgehend unabhängige, lokale Vereinigungen mit den jeweils eigenen Vereinsblättern. Der be­rühmteste ist der von Gustav Struve 1868 gegründete „Stuttgarter Vegetarierverein“, der bis heute unter dem Namen „Vegetarische Gesellschaft Stuttgart“ existiert.

Daneben waren in den späten 1870-er Jahren vor allem die Vegetarier in Berlin aktiv unter der Leitung des vegetarischen Schriftstellers Robert Springer.


1892 erfolgte eine wichtige Vereinsfusion: Der „Deutsche Verein für natürliche Lebensweise“ und der Berliner „Deutsche Verein für harmonische Lebensweise“ schlossen sich zum „Deutschen Ve­getarier-Bund“ zusammen.

Im handgeschriebenen Protokoll der Gründungsversammlung wurde der Zweck des Vereins festge­halten: „ ... die Förderung und Verbreitung des Vegetarismus, dessen Hauptforderung in der Pflege edlen und wahren Menschentums auf Grundlage der Fleischenthaltung besteht“. Dieser Verein war der erste erfolgreiche Versuch einer überregionalen, reichsweiten Vegetarierorganisati­on. Er blieb bis in Jahr 1935 bestehen.


Wie viele Denker des 19. Jahrhunderts wollten auch die Vegetarier etwas gegen soziale Missstände, Armut und die Kluft zwischen Arm und Reich tun. Viele sahen in der Abschaffung des Privateigentums von Grund und Boden eine Lösung, da dieser wie Licht und Luft jedermanns Eigentum wäre. Diesen Gedanken konsequent in die Tat umzusetzen, gelang nur der vegetarischen Obstbaumkolonie mit dem Namen „EDEN“ bei Oranienburg. Sie wurde 1893 gegründet und existiert – nach zahlreichen politischen Wirren – in etwas abgeänderter Form auch heute noch.


Dresden wurde durch die Person Georg Försters zu einem weiteren Zentrum der vegetarischen Be­wegung neben Leipzig mit der „Deutschen Vegetarischen Gesellschaft“ (gegr. 1913). Hier fand 1908 der erste Welt-Vegetarier-Kongress statt, während dem die Internationale Vegetarier-Union (IVU) gegründet wurde.

Mit der Gründung des „Verband deutscher Vegetarier-Vereine“ 1918 in Berlin (mit der Zeitschrift „Vegetarischer Bote“), dem auch der Verein Försters angeschlossen war, existierten in der Weima­rer Republik zwei Vereine nebeneinander, die überregional verbreitet waren. Die Zahl der Vegetari­er in Deutschland wurde in dieser Zeit auf etwa 200 000 geschätzt.

Georg Förster trat 1930 aus dem Verband Deutscher Vegetarier-Vereine aus und gründete einen neuen Bund, den „Deutschen Vegetarier-Verband“, der zwar auf die Person Försters zentriert war, aber dem Vegetarismus in Deutschland bemerkenswerten Auftrieb gab.

Die beiden großen Vegetarier-Organisationen sahen sich jedoch als Konkurrenzvereine an und arbeiteten nicht zusammen.


Die nationalsozialistische Machtergreifung 1933 wurde von den beiden Organisationen unterschied­lich bewertet. Während sich die „Vegetarische Presse“ des Försterschen Vereins rasch den neu­en politischen Umständen anpasste und damit noch bis 1941/42 weiterbestehen konnte, wurde es für den „Deutschen Vegetarier-Bund“ immer schwieriger, sich der drohenden Gleichschaltung zu ent­ziehen. Schließlich löste sich der Bund 1935 offiziell auf.

Gekürzt und ergänzt nach:

Die Entstehung der vegetarischen Vereine : Entwicklung des Vereinswesens bis 1945 / von Judith Baumgartner.

Die vegetarische Bewegung seit 1945 : Neuanfang, Persönlichkeiten, Vereinsentwicklung / von Judith Baumgartner.

Beide Artikel in „Der Vegetarier“, Heft 3/1992.


 


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