Europäische Vegetarier Union

Geschrieben/übersetzt von: Hildegund Scholvien

Die vegetarische Bewegung in Deutschland

Neuorientierung nach 1945


Nach 1945 wurde die vegetarische Bewegung neu organisiert; die Vereine wurden neu gegründet. In den Nachkriegsjahren setzte sich bereits die dritte Generation von Vegetariern für die vege­tarische Idee ein. Wichtige Vorarbeiten zu einem neuen Zusammenschluss leistete W. F. Adolf Briest. Im Mai 1946 kamen in Sontra bei Kassel erstmals nach dem Krieg Vegetarier zusammen und leiteten die Gründung der „Vegetarier-Union Deutschland“ (VUD) ein, aus der sich der heutige „Vegetarier-Bund Deutschlands“ entwickelte.

Etwa gleichzeitig hatte Helmut Th. K. Rall (aus besatzungsrechtlichen Gründen) die „Vegetarier-Union Ebhausen“ (VU) in der französischen Zone gegründet. Die geplante Vereinigung der beiden Zonen-Unionen nach der Bildung der Bundesrepublik kam jedoch nie zustande. Die beiden Organisationen bestanden in der Folgezeit nebeneinander fort und wurden beide 1950 in die In­ternationale Vegetarier-Union aufgenommen. Die Vereinigung von Rall löste sich dann Mitte der 70-er Jahre weitgehend auf.


Jugendarbeit

1951 trafen sich zum ersten Mal die Vegetarier der jungen Generation zu einem großen Zeltlager im Taunus. Daraus entwickelte sich die „deutsche-reform-jugend“ (drj). Sie wurde1958 offiziell als Verein eingetragen. Sie will Kindern und Jugendlichen eine Orientierungsmöglichkeit anzubieten für ein bewusstes Leben, für eine sinnvolle, selbst gestaltete Freizeit, für verantwortungsvollen und liebevollen Umgang mit Mensch und Natur. Geistiges Fundament ist die Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“ nach Albert Schweitzer, was neben dem Vegetarismus und Verzicht auf schädliche Genussmittel im weitesten Sinne Umwelt-, Tier- und Lebensschutz bedeutet.


Seniorenarbeit

Der Verein Vegetarier-Altenhilfe (VAH) wurde 1961 gegründet und hatte zum Ziel, eine eigenes Heim für vegetarisch lebende Senioren zu schaffen, da es zu dieser Zeit nur wenige Heime gab, die rein vegetarische Ernährung in rauchfreien Räumen anboten. Im Verlauf der Jahre stellte es ich jedoch heraus, dass neben dem Streben nach einem eigenen Heim die gegenseitige Hilfe ein wichtiges Element der Seniorenarbeit wurde. Inzwischen gehört es auch zu den Zielen des Vereins, jüngere Menschen für die Seniorenarbeit zu aktivieren und ein generationsübergreifendes Wohnen zu fördern.

Mit dem Erwerb des Hofes Heilenbergen ist der Verein seinen Zielen ein großes Stück näher gekommen. Das Haus soll ein Ort der Begegnung für alle Generationen sein, als Alterswohnsitz, als Wohnmöglichkeit für jüngere Menschen, mit Seminarangebot und kulturellen Veranstaltungen.



Zeitschriften

Neben der Zeitschrift „Der Vegetarier“, die 1956 offizielles Organ der VUD wurde, existierten in den nächsten Jahren noch zwei weitere Zeitschriften. Das „Vegetarische Universum“ der VU herausgegeben von Helmut Rall erschien monatlich (bis Ende 1975) und entsprach in Format und Aufmachung einer Tageszeitung. Es verstand sich als „Zentralblatt des Vegetarismus, der naturge­mäßen Ernährung, Heilkunst und Volkswirtschaft, für Friedenskultur und wahres Menschentum“. Insbesondere die Leserreisen des „Vegetarischen Universums“ erfreuten sich großer Beliebtheit. Diese so genannten „Apfelfahrten“ waren Gruppenreisen mit vegetarischer Kost. Rall verband als Inhaber eines Reisebüros mit der Ausrichtung der Apfelfahrten seine beruflichen Möglichkeiten mit dem privaten Engagement für die vegetarische Idee.


Oswald Kiehne, auf dessen Grundstück 1946 die Gründung der VUD erfolgte, gab seit 1948 ein eigenes vegetarisches Nachrichtenblatt heraus, der „Sontraer Gesundheitsbote“. Versuche einer Vereinigung mit „Der Vegetarier“ waren nur von kurzer Dauer.


Zusammenarbeit

In den 50-er Jahren wurden einige Versuche der Zusammenarbeit der verschiedenen Vegetarier-Organisationen unternommen. Größere Bedeutung erlangte nur der „Deutsche Vegetarier-Rat“ (DVR).

Der DVR sollte einen wichtigen Beitrag zur Zusammenarbeit der einzelnen Gruppen leisten und war damit Interessenvertretung sämtlicher Ziele der Lebensreforn und des Vegetarismus.


Angesichts des Eintritts der Bundesrepublik Deutschland in die NATO und der Bildung der Bundeswehr ist vor allem die Tatsache interessant (und heute fast vergessen), dass der „Deutsche Vegetarier-Rat“ einen „Vegetarier-Ausweis für Kriegsdienstverweigerer“ erarbeitet hatte. Dieser Ausweis wurde auf Antrag Vegetariern ausgestellt, die aus ethischen Gründen den Wehrdienst ab­lehnten und den Ersatzdienst ableisten wollten.


Eines der wichtigsten Ergebnisse der Arbeit des „Deutschen Vegetarier-Rates“ ist die Erarbeitung und Verabschiedung der so genannten „Rehburger Formel“, die die Frage „Was ist Vegetarismus?“ erstmals in einer möglichst umfassenden, allgemein gültigen Form beantworten sollte.


Der Vegetarismus ist die Lehre, dass der Mensch aus ethischen und biologischen Gründen aus­schließlich zum Pflanzenesser bestimmt ist. Sein stärkstes Motiv ist die Überzeugung, dass möglichst kein Tier für die menschliche Existenz getötet oder geschädigt werden soll.“


1963 wurde Prof. Wilhelm Brockhaus zum Vorsitzenden des DVR gewählt.

Prof. Brockhaus war eine der zentralen Persönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte der vege­tarischen Bewegung. 1907 geboren, trat er bereits früh der Wandervogelbewegung bei und blieb der Lebensreformbewegung und dem Vegetarismus während seines ganzen Lebens treu.

Er studierte Biologie, Chemie, Physik, Geographie und Philosophie und hatte einen Lehrstuhl für Biologie, Geographie und ihre Didaktik inne. Seine herausragende Leistung war das 1975 im Hirthammer Verlag veröffentlichte Standardwerk zum Vegetarismus „Das Recht der Tiere in der Zivilisation. Einführung in Naturwissenschaft, Philosophie und Einzelfragen des Vegetarismus“.



Die Vegetarier-Union Deutschlands

Mit Geo Hiller begann eine neue Ära in der vegetarischen Vereinsgeschichte. Sein Engagement für aktiven Tierschutz und ethischen Vegetarismus ist charakterisiert durch seinen Ausspruch „Der konsequenteste Tierschützer ist Vegetarier“. Hiller hatte neben der Bundesleitung auch über viele Jahre hinweg die Schriftleitung der Zeitschrift „Der Vegetarier“ inne und widmete ihr große Auf­merksamkeit und viel Zeit, weil er ihre Bedeutung für die Verbreitung der vegetarischen Gedanken erkannte. Im Geschäftshaus von Geo Hiller in Hannover befindet sich heute die Geschäftsstelle des Vegetarier-Bundes und die älteste noch existierende vegetarische Gaststätte Deutschlands.


Sicherlich Höhepunkte der vegetarischen Nachkriegsgeschichte – und sicherlich einigen Zeitgenossen noch in guter Erinnerung – waren die Weltkongresse 1960 in Hannover und Hamburg (organisiert von Geo Hiller) und 1982 in Neu-Ulm (organisiert von Rudolf Meyer).

Mit dem Kongress von 1960 wurde den Vegetariern ein neues Selbstverständnis mit auf den Weg gegeben:

In Zukunft werden die Vegetarier ihre schüchterne Haltung fallen lassen und sich mit ihren Kongressen der Weltöffentlichkeit zeigen. In Zukunft werden die Kongresse in erster Linie dazu dienen, die Position der Vegetarier im Gastland zu bestärken und zu zeigen, dass die vegetarischen Ideen und die vegetarische Praxis eine Aufgabe in dieser Welt haben.“ (Der Vegetarier 12/1960)


Mit 700 Teilnehmern aus 34 Ländern war der 26. Vegetarier-Weltkongress 1982 in Neu-Ulm sehr gut besucht und fand breites öffentliches Interesse.


Über 25 Jahre blieb der Vereinsname „Vegetarier-Union Deutschland“ unverändert. Als 1973 Geo Hiller nach 18 Jahren seine Vereinstätigkeit beendete, stand mit dem Zusammenschluss mit dem Freundeskreis der deutschen reform-jugend auch ein neuer Vereins-Name zur Diskussion. Als neuer Name wurde „Bund für Lebenserneuerung, Vereinigung für ethische Lebensgestaltung, Vegetarismus und Lebensreform“ gewählt, um eine Öffnung nach außen zu signalisieren. Doch bereits elf Jahre nach dieser Namensänderung wurde der Verein erneut umbenannt. Das vegetarische Element sollte wieder Bestandteil des Namens werden und damit den außen Stehenden die Zielsetzung des Vereins übermitteln. Seither nennt sich der Verein „Vegetarier-Bund Deutschlands“


1981 wurde dem Verein nach langjährigem Bemühen die Gemeinnützigkeit zuerkannt.


1983 wurde Rudolf Meyer zum Vereinsvorsitzenden gewählt, der dann 13 Jahre lang die Geschicke des Vereins in Händen hielt. In dieser Zeit ist es gelungen, die vegetarische Idee in Deutschland salonfähig zu machen. Die Wissenschaft hat sich des Themas angenommen und gegen alle Vorurteile bestätigt, dass Vegetarier gesund und leistungsfähig sind und sich einer höheren Lebenserwartung erfreuen können. Das Angebot in Handel und Gastronomie ist für vegetarisch lebende Menschen umfangreicher, vielseitiger und wesentlich attraktiver geworden.


1996 wurde im Vegetarier-Bund der Generationenwechsel vollzogen. Auf Rudolf Meyer als Vorsitzender folgte Thomas Schönberger, der mit einer jungen Crew den Vegetarier-Bund innerlich und äußerlich den neuen Erfordernissen angepasst hat. Die Zeitschrift bekam ein neues Outfit und einen neuen Namen: „natürlich vegetarisch“, die Druckschriften wurden inhaltlich und grafisch überarbeitet und die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit intensiviert. Die Ansprüche und Erwartungen an den Vegetarier-Bund, der sich jetzt kurz VEBU nennt, sind enorm gestiegen, dementsprechend wurde das Angebot an Informationen und Dienstleistungen wesentlich erhöht.
Neben der Zusammenarbeit mit der Vegetarier-Altenhilfe baut der VEBU inzwischen auch eine eigene Kinder- und Jugendarbeit auf.


Weiterhin wurde im Oktober 2004 die Stiftung „Vegeterra – Stiftung vegetarisch leben“ gegründet, um die Arbeit der vegetarischen Bewegung in Deutschland noch stärker zu profilieren und langfristig besser absichern zu können.


Die vielen Skandale im Gefolge der Industrialisierung der Landwirtschaft und die Praktiken der Lebensmittelindustrie taten ein Übriges. Die Zahl der Vegetarier in Deutschland ist deutlich im Steigen begriffen. Waren es 1983 nur 0,6%, so rechnete man 2001 nach einer Umfrage des Forsa-Instituts damals auf dem Höhepunkt der BSE-Krise mit ca. 8% Vegetariern und ca. 20% Fleischreduzierern. Heute dürfte sich die Zahl bei etwa 7% eingependelt haben. Der Fleischkonsum in Deutschland ist von etwa 70 kg pro Person und Jahr (1988) auf etwas über 60 kg im Jahr 2003 gesunken (also um über 10%)


Das nächste große Ereignis wirft schon seinen Schatten voraus: Der Jubiläums-Weltkongress 2008 in Dresden.


Gekürzt und ergänzt nach:

Die Entstehung der vegetarischen Vereine : Entwicklung des Vereinswesens bis 1945 / von Judith Baumgartner.

Die vegetarische Bewegung seit 1945 : Neuanfang, Persönlichkeiten, Vereinsentwicklung / von Judith Baumgartner.

Beide Artikel in „Der Vegetarier“, Heft 3/1992.


 


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