European Vegetarian Union

Vegetarismus ist der Weg

Eindrücke vom Weltvegetarierkongress in Chiang Mai

English - aus EVU News, Ausgabe 2/1999

Es war nicht ganz das, was ich erwartet hatte: über 450 Besucher, von denen 400 Thais waren. Beim abendlichen Eröffnungsmahl hatte ich einen Buddhisten, einen Hindu, einen Anhänger der Lehre Zarathustras, Sikhs, einen evangelischen Finnen, Katholiken aus Irland und einen indischen Moslem um mich. Wieder einmal stellte ich fest, wie wohl ich mich in einer solch vielfältigen, multikulturellen Gesellschaft fühlte und wie gerne ich in einer solchen Gesellschaft würde leben wollen.

Ich überwand den ersten Schock: das riesige unpersönliche Hotel mit einem ebenso riesigen Einkaufszentrum und dem enormen Lärmpegel, der damit verbunden war. Alles war noch weihnachtlich dekoriert, ein überdimensionaler Weihnachtsmann, sogar in den Aufzügen des 12. Stockwerks; das Gedudel von "Stille Nacht". Die Organisatoren sollten am nächsten Tag ankommen; niemand wusste irgendetwas von einer Zimmerreservierung für mich oder über mein verlorengegangenes Gepäck. Ich wollte einfach nur auf dem Boden sitzen, inmitten des geschäftigen Treibens der Empfangshalle, und in Tränen ausbrechen. Dann sah ich ein vertrautes Gesicht - Ernst Roegler, den Präsidenten der Norwegischen Vegetarischen Gesellschaft, den ich beim Kongress in Bratislava kennen gelernt hatte in Begleitung eines neunzehnjährigen finnischen Studenten. Danach stießen noch einige zuvor unbekannte Engländer zu uns und wir erlebten ein fantastisches Abendessen im Mondlicht auf dem Dach eines landestypischen Restaurants. Zwei Tage später tauchte mein Gepäck wieder auf und der Kongress begann.

Großartige Gastfreundschaft

Die üblichen Reden - viele thailändische Organisationen und die IVU hatten großartige Arbeit geleistet, um dies alles zu ermöglichen. Um gleich auf den Punkt zu kommen: die Gastfreundschaft war herausragend, ebenso die Vielfalt interessanter Gespräche und das ausgezeichnete Essen. Ich kann nur mit Superlativen sprechen, wenn es um das Angebot geht. Natürlich gab es die gewöhnlichen Pannen: ein Workshop wurde gestrichen oder fand an einem anderen Ort als angekündigt statt, Leute, die herumrannten und nach etwas suchten - aber das passiert bei allen Kongressen.

König isst braunen Reis

"Man sagt, dass die Armen gerne braunen Reis essen. Wir essen täglich braunen Reis, so gehören wir zu den Armen."

Dieser Satz, ausgesprochen von dem sehr beliebten König der Thais, erschien mir zunächst zynisch. Der König soll diese Worte im Fernsehen wiederholt haben, als er der Reisernte eines Projekts beiwohnte, das unter seiner Leitung durchgeführt wurde. Er hat es sich selbst zur Aufgabe gemacht, die Thais auf Vollwertkost umzustellen und von der Vorstellung wegzubringen, nicht polierter Reis sei Nahrung für Gefangene. Vielmehr ist Naturreis gesund und wird zu einer verbesserten Gesundheit der gesamten Bevölkerung beitragen. Ein Projekt "Reis Nr. 5" wurde sogar initiiert, um etwa 30 000 Mühlenbesitzer zu ermutigen, mehr braunen Reis zu liefern. Verglichen mit der Herstellung von weißem Reis, sollte dies etwa 60 % der erforderlichen Stromkosten einsparen. Um die Bevölkerung mit braunem Reis vertraut zu machen, wird dieser sogar zu einem um 5 % niedrigeren Preis angeboten werden. Gleichzeitig sollte die Bevölkerung angeregt werden, weniger zu essen und in ihrem Leben insgesamt der Qualität statt der Quantität den Vorzug zu geben.

"Lang lebe Ihre Majestät, der König!" Es bleibt abzuwarten, ob das Volk seinem Rat folgen wird.

Warum vegetarische Würstchen und Fisch?

Ein Hersteller aus Singapur drückte mir ein Faltblatt in die Hand, das ich nicht so beeindruckend fand. Die Fotos sahen aus wie vom Servierteller eines Metzgers - Würstchen, Leberwurst, Schinken - aber alles vegetarisch; "enthält kein Ei, Konservierungsstoffe, Cholesterin oder tierisches Fett; ein großartiger neuer Geschmack - 100 % rein vegetarische Gesundnahrung".

Nicht ein Wort darüber, welcher Art die chemischen Cocktails waren, die man in den Laboratorien zusammengebraut hatte, so dass eine Sojawurst schließlich den Geschmack einer Wurst aus Schweinefleisch annahm. Für ethische Vegetarier ist es auch ein Rätsel, warum die wundervollen Produkte der Natur wie Produkte tierischer Herkunft aussehen müssen, die wir ablehnen. Es soll sogar einen vegetarisch "gefüllten Fisch" geben und als ich fragte, was denn diese fremdartige Knusprigkeit auf meinem Teller sei, bekam ich die Antwort, es handele sich um die vegetarische Variante eines Schweinekrustenbratens!

Es ist schwer vorstellbar, muss jedoch der Wahrheit entsprechen, dass Leute, die den Fleischgeschmack mögen, diese Imitationen brauchen, um es zu meiden. Dennoch war das vegane Büffet sehr gut besucht und ich war sehr zufrieden mit den wunderbaren Früchten, Ananas, Papayas und den winzigen reifen, frisch geernteten Bananen. Das Essen war insgesamt fabelhaft. Zum Abschluss gab es sogar einen Kochwettbewerb der Hotelköche unter dem Motto "Kochen rund um die Welt".

Ich fragte den Geschäftsführer, ob er - wie die meisten Thais - Buddhist sei und er bestätigte das. War er auch Vegetarier? Nein, das war er nicht. Aber, so erwiderte ich beharrlich, Buddha hatte doch Ahimsa verlangt, die Befolgung des Gebots, nicht zu töten. Ja, sagte er, wenn er selbst das Tier schlachtete, aber es seien ja andere, die es töten würden ...

Workshops und Ausstellung

In Workshops wurden Informationen über die Herstellung von Tofu, über Entgiftung unter Benutzung von Weizenpflanzensaft, über Vegetarismus und AIDS, ayurvedische und chinesische Medizin, Antioxidanzien, über die Vorteile einer Ernährung auf Basis von Nüssen und, und, und ... vermittelt, und parallel hierzu fand eine Ausstellung über natürliche Produkte aller Art statt.

Bei allen Vorträgen und Workshops - und ich fand das besonders gut - wurden die ethischen, ökologischen und ökonomischen Aspekte der Diskussion erwähnt. Wenn der Planet überleben soll, kann dies nur geschehen durch einen Wandel zum vegetarischen Lebensstil. John Davis, Worldwide Webmaster, erläuterte Anfängern die Vorteile des Internet und E-mail. Paul Turner, Präsident von "Food for Life Global", stellte seine Organisation vor, die seit 1974 über 70 Millionen bedürftige Menschen in über 60 Ländern mit kostenlosen vegetarischen Mahlzeiten versorgt hat. In der Zwischenzeit wurde sie von Regierungen und Sponsoren unterstützt und wurde insbesondere dank der selbstlosen Bemühungen von zahlreichen freiwilligen Helfern ermöglicht, die sich sogar in Konfliktzonen wie Grozny und Sarajevo begaben, - eine erstaunliche Initiative.

Beeindruckende Persönlichkeiten

Eine eindrucksvolle Persönlichkeit bei dem Kongress war der 79-jährige Arne Wingqvist, der - 1919 in Schweden geboren - seit 1931 Vegetarier ist. Seit 1985 ernährt er sich ausschließlich von Früchten, Nüssen, Samen und frischem, rohem Gemüse. 1987 nahm er an einer 19-tägigen internationalen Fahrradtour durch Schweden mit einer Strecke von 1 140 km teil. Es ist kein Wunder, dass er auf Rohkost schwört. Nach einer Krebsoperation ernährte sich Dr. Ruth Heidrich vegan und wurde sogar Triathletin! Ruth Heidrich ist heute 64 Jahre alt und sieht höchstens wie 40 aus. Ihr sehr persönlicher Bericht war ein leuchtendes Beispiel für Lebensfreude und ansteckenden Optimismus. Arne Wingqvist meinte, diese Veganerin solle nun ihre Kost auf Obst umstellen.

Der Vortrag von Prof. Leitzmann war sehr wichtig. Seine großangelegte Studie an der Universität Gießen zeigte deutlich, dass Vegetarier gesünder sind und im allgemeinen eine längere Lebenserwartung haben. Diese Studie berücksichtigte nicht nur Ovo-lacto-Vegetarier, Lacto-Vegetarier und Veganer sondern führte auch Tests mit denjenigen durch, die sich ausschließlich von Rohkost und Früchten ernähren.

Was mich ärgerte, als ich eine Blutuntersuchung anlässlich meiner Meniskusoperation hatte, war der Befund der vermuteten typischen Mangelerscheinungen eines Vegetariers, nämlich zu wenig Eisen und zu wenig Vitamin B. Prof. Leitzmann wies darauf hin, dass diese sogenannten Standardwerte sich auf umfangreiche Erhebungen - bezogen auf einen durchschnittlichen Teil der Bevölkerung - stützten, unter welchen selbstverständlich überwiegend Fleischesser waren!

Wieder einmal ein Hinweis darauf, dass die Wissenschaft ihre Werte lediglich am neuesten Wissensstand festmacht, was sehr fragwürdig ist, wie der angenommene Bedarf an erforderlichem Protein verdeutlicht, der sich während der letzten paar Jahrzehnte immer wieder drastisch geändert hat.

Phantastische Ausflüge

Natürlich wurden auch wundervolle Ausflüge angeboten: Ausflüge zum Elefantenkrankenhaus, dem Orchideengarten, dem Botanischen Garten von Königin Sirikit, zu einem organisch bewirtschafteten Bauernhof mit Vorführungen von Anbaumethoden, zu einer Spirulina-Zuchtanlage, usw., usw. Während all dieser wundervollen Aktivitäten stieß der Schornstein des Hotels schwarze Rauchwolken von verbranntem Müll aus. Weltweit hat Chiang Mai die höchste Anzahl von Lungenkrebserkrankungen bei Frauen zu beklagen, was auf den Smog und die zunehmende Zahl junger Raucherinnen zurück zu führen ist.

Zusammenkunft der IVU

Und dann hatte die IVU ihr turbulentes Treffen. Maxwell G. Lee wurde erneut zum Präsidenten gewählt und Kevin Pickard zum Vizepräsidenten. Peter McQueen zeigte ein Video von Toronto, wo der nächste Weltvegetarierkongress 2000 stattfinden wird, aber bis dahin werden wir uns alle beim Kongress der EVU in der Schweiz begegnet sein.

Barbara Rütting
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Translated by Bettina Alexandra Geßlein

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