European Vegetarian Union

Heilung der Erde durch vegetarischen Lebensstil?

Präsentation - vorgestellt bei der Internationalen Konferenz am 27.11.98 in Magdeburg, Deutschland

English - aus EVU News, Ausgaben 4/1998 und 1/1999

Da ich Zitate liebe, werde ich zu Beginn den Physiker Albert Einstein zitieren:

"Du kannst Probleme nicht mit den Gedankengängen lösen, die sie erschaffen haben."

Reformen können lediglich bestehende Bedingungen "beschönigend ausdrücken", nur Revolutionen können sie lösen.

Sicherlich hoffe ich, dass es einige Revolutionäre unter uns gibt, denn Sie haben wahrscheinlich erraten, dass ich einer von ihnen bin. Ich strebe nach einer neuen Art von Gesellschaft mit einem neuen Menschentyp. Und, wie inzwischen allgemein bekannt ist, kann man die Gesellschaft nur verändern, wenn man sich selbst ändert. Nicht morgen, sondern heute.

Lassen Sie mich Ihnen kurz meinen Lebenslauf schildern. Ursprünglich wollte ich Ärztin werden, aber bedingt durch die chaotischen Ereignisse nach dem Krieg, fand ich mich selbst mit meinem Hab und Gut auf der Straße stehend wieder, gezwungen, meine Familie und meine vier jüngeren Geschwister zu ernähren. Ich arbeitete als Hausangestellte, als Hilfsbibliothekarin und als Fremdsprachensekretärin in Kopenhagen bevor ich Schauspielerin wurde. Ich hatte das Glück, eine erfolgreiche Bühnenkarriere zu machen, in Filmen und Fernsehproduktionen mitzuwirken und entschloss mich nach 30 Jahren mit der Schauspielerei aufzuhören.

Rheumatismus zwang zum Wechsel

Wegen des Rheumas meiner Mutter und der Tatsache, dass kurze Zeit später dieselbe Erkrankung bei mir auftrat, begann ich über Zusammenhänge zwischen Ernährung, Gesundheit, Tier- und Umweltschutz und den Hungertod in Ländern der sogenannten Dritten Welt zu lesen und nachzudenken. Es wurde mir immer deutlicher, dass ich mich verändern musste, dass ich selbst aktiv zur Rettung oder dem Niedergang dieses Planeten beitragen musste, dadurch wie, was und wie viel ich esse, und welchen Anteil an den Ressourcen ich mich entscheide, für mich zu nutzen.

Die Schauspielerei verlor immer mehr an Bedeutung. Statt dessen gewann meine Arbeit auf dem Gebiet der Ernährung, des Tier- und Umweltschutzes und in der Friedensbewegung immer mehr an Wichtigkeit. Nach Beendigung meiner Karriere als Schauspielerin 1982, konnte ich mich voll und ganz auf diese Aufgaben konzentrieren. Ich schrieb Bücher über die zuvor genannten Themen und bildete mich als Gesundheitsberaterin aus.

Mit Getreidemühlen nach Bulgarien

Die Chaostheorie besagt, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings auf einer Seite des Globus zu einem Tornado auf der anderen Seite führen kann. Somit haben alle meine Handlungen, alle meine Gedanken negative und positive Auswirkungen. Das Universum und ich sind eines.

Gestatten Sie mir, Albert Einstein zum zweiten Mal zu zitieren:

"Nichts wird die Chance des Überlebens auf dieser Erde so nachhaltig verbessern wie der Schritt hin zu einer vegetarischen Lebensführung."

Können also Vegetarier die Erde heilen?

Natürlich wäre ich glücklich, wenn ich in einer nur von Vegetariern bevölkerten Welt leben könnte, wo - wie der Prophet Jesaja sagt -, der Löwe neben dem Zebra Gras frisst. Dass diese Illusion auf dieser Erde in die Praxis umgesetzt werden kann, betrachte ich selbst im Wassermannzeitalter als utopisches Ideal. Einige Schritte in diese Richtung sind jedoch möglich. Es ist möglich, das Bewusstsein weiter Teile der Bevölkerung zu ändern im Hinblick auf eine Annäherung an die vegetarische Lebensweise für die eigene Gesundheit, für Tier- und Umweltschutz sowie mit dem Ziel, das Problem des Hungers in armen Ländern zu lösen.

Tatsächlich bedeutet dies: Unser Ziel ist eine geringere Quantität höherer Qualität. Dies ist einfach, nicht teuer und überall möglich, wenn man nur das Licht sieht und wünscht, das dies geschieht. Ich bin heute hier, um Ihnen ein praktisches Beispiel zu geben, wie dies funktionieren kann und Sie davon zu überzeugen, dass es wirklich möglich ist.

Im Jahre 1989 berichteten die Medien wiederholt, dass die Menschen in Polen, Rumänien, Russland und Bulgarien hungern müssten; sie hätten weder Fleisch, Wurst noch Zucker zur Verfügung. Ich fragte mich, wieso jemand Hunger erleiden oder gar verhungern müsse, weil er etwas nicht hat, dass ich nicht einmal brauche, da ich mich seit nunmehr drei Jahrzehnten mit vegetarischer Vollwertkost ernähre.

Ich schrieb einen Brief an einen mir bekannten bulgarischen Arzt, den Präsidenten der Vegetarischen Gesellschaft für Akupunktur, der für seine Forschungsarbeiten über das Immunsystem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgezeichnet worden war und schlug vor, diese Art der Ernährung zum Nutzen der Menschen in Bulgarien einzuführen.

Kurze Zeit später machte ich einen Besuch in Sofia und brachte mehrere Getreidemühlen mit. Wir veranstalteten Kochseminare für Ärzte und Köche und unterwiesen sie in vegetarischer Vollwertkost. Bei nachfolgenden Besuchen wurde eine Broschüre mit den wichtigsten Informationen gedruckt und kostenlos an 15 000 Haushalte abgegeben.

Grundpfeiler der vegetarischen Vollwerternährung sind zum einen, die Nahrung so natürlich wie möglich zu belassen, sowie zum anderen, die Tatsache, dass etwa 7 bis 10 kg pflanzliches Eiweiß (als Tiernahrung) erforderlich sind, um 1 kg Protein tierischer Herkunft zu produzieren. Somit ist der gegenwärtige Fleischkonsum in Industrieländern unverantwortlich, besonders angesichts der Tatsache, dass jeden Tag weltweit 100 000 Menschen den Hungertod sterben, während man alleine in Deutschland jährlich 100 Milliarden DM für die Bekämpfung ernährungsbedingter Krankheiten ausgibt, die hauptsächlich auf den übermäßigen Konsum von tierischen Nahrungsmitteln, Weißmehl und raffinierten Zucker zurück zu führen sind.

Wie wichtig es ist, sich aus wirtschaftlichen Gründen in diese Richtung zu bewegen, wird deutlich, wenn man sich Bulgarien betrachtet. Zu der Zeit, als ich mich dort aufhielt, musste eine Hausfrau 90 Lewa für 1 kg Fleisch gegenüber nur 3 Lewa für

1 kg Getreide von einem durchschnittlichen Einkommen von 800 Lewa aufbringen. Die Fleischpreise sind bis zum jetzigen Zeitpunkt im Verhältnis zu den Preisen für Getreide gestiegen und die Situation in anderen osteuropäischen Ländern ist nicht viel anders.

Stellen Sie sich nur vor, wie wenig Nahrung einer Familie zur Verfügung stehen wird, wenn sie 1 kg Fleisch kauft und ganz im Gegensatz dazu, wie lange sie von dem zu demselben Preis erhältlichen Getreide überleben könnte - Korn, aus dem man so viele schmackhafte Gerichte zubereiten kann.

Besuch bei Gorbatschow

Nach dem Erfolg in Sofia fuhr ich nach Moskau zu einem Treffen mit Michail Gorbatschow - wieder mit Getreidemühlen im Gepäck. Er sagte mir, er wisse nichts über Ernährung, nahm sechs Stücke Zucker zu seinem Kaffee und verwies mich auf den Oberarzt seiner Klinik für strahlengeschädigte Kinder. Der Arzt war begeistert und schlug vor, ich solle die wichtigsten Informationen über vegetarische Vollwertkost zusammentragen, sie ins Russische übersetzen lassen und dann nach Russland zurückkehren, um Getreidemühlen und Vollwerternährung in seiner Selbsthilfe-sendung im Fernsehen vorzustellen.

Hieraus entstand das Buch "Grüne Rezepte für den blauen Planeten". Mein Russischübersetzer ließ mich leider aufgrund privater Probleme im Stich, aber eine gekürzte Version wurde ins Bulgarische übersetzt. 3 500 Broschüren wurden von den Geldspenden gedruckt und kostenlos an Interessierte verteilt. Nachdem mir der Bürgermeister einer Stadt in der Nähe von Sofia, Bansko, mitteilte, dass 123 ältere, in Armut lebende Bürger ohne Hilfe den Winter nicht überstehen würden, stifteten ökologische Bauern aus Salzburg 15 000 kg Nahrungsmittel, Geld und eine große Getreidemühle, so dass eine Küche für die Armen aufgebaut werden konnte und die Menschen überlebten.

Im Februar d. J. wurden der Bürgermeister, ein Geschäftsmann und ein Bäcker aus Bansko nach Salzburg eingeladen, um sich über umweltgerechten Tourismus, Vollwertgetreideprodukte für Bäckereien und die Herstellung von Getreidemühlen zu informieren.

Der nächste Schritt wird ein Geschäft sein, in dem Getreidemühlen, Getreide, Literatur über eine gesunde Lebensführung, usw. zum Verkauf angeboten werden sollen. Insbesondere soll jedoch die Produktion von Getreidemühlen in Bulgarien aufgenommen und der Anbau von ökologischem Getreide gefördert werden, was außerdem die Schaffung neuer Arbeitsplätze bedeuten würde. Teil dieses Projekts ist der Plan, ökologische Abwasserreinigungsanlagen mit einheimischen Arbeitern zu bauen. Im August 1997 fand in Bansko ein Jazz-Festival statt, von dessen Erlös ein Heim für 100 Waisenkinder in Bansko gebaut wurde. Dieses Festival war so erfolgreich (sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene), dass vom 08. bis 13. August 1999 eine Wiederholung stattfindet. 500 Eintrittskarten sind bereits verkauft worden, sogar ein Schweizer Fernsehsender aus Montreux hat sich angekündigt.

Neueste Nachrichten aus Bansko und Bulgarien:

  • auf einem ehemaligen Schrottplatzgelände wurde ein Kurhotel erbaut
  • die Menschen erhalten Fremdsprachenunterricht
  • der Fluss wird gereinigt
  • zwei Ärzten aus Bansko ist es gelungen, den Fleischkonsum der Stadtbevölkerung um 20 % zu reduzieren
  • die vollständige Einrichtung einer Zahnarztpraxis sowie Instrumente zur Geburtshilfe - von Deutschen gestiftet - sind unterwegs nach Bansko
  • Dr. Emil Iliev, Präsident der Bulgarischen Gesellschaft für Akupunktur hat eine wöchentliche Kolumne in der in Sofia erscheinenden Zeitung "24 hours" ("24 Stunden"), in welcher er Ratschläge zur gesunden Ernährung (weniger Fleisch, Zucker und Salz) gibt und tritt in Fernsehsendungen auf, um sich für bessere Ernährung in Krankenhäusern stark zu machen.
  • Das bulgarische Magazin "Fleisch und Fleischprodukte" berichtet, dass der Konsum von Fleisch und aus Fleisch hergestellten Waren in Bulgarien seit 1869 um den Faktor 8 gesunken ist.

Die Schlussfolgerung: Der Schritt hin zu vegetarischer Vollwertkost ist zumindest EIN Schritt auf dem Weg zur Lösung unserer globalen Probleme, weil jeden Tag

  • 100 000 Menschen an Hunger sterben
  • 100 Tier- und Pflanzenarten aussterben
  • 86 Millionen Tonnen der Erde abgetragen werden
  • 55 000 Hektar des tropischen Regenwaldes abgeholzt werden
  • Wüstengebiete sich um 20 000 Hektar ausbreiten
  • 100 Millionen Tonnen Treibhausgase an die Luft abgegeben werden
  • mehr Ackerland verloren geht als innerhalb eines Zeitraums von 1000 Tagen entwickelt werden kann.

Jede/r von uns hat eine ökologische Verantwortung in seinem/ihrem täglichen Leben, sei es bei der Arbeit, zu Hause, in der Freizeit, in unseren Essgewohnheiten.

Jedoch bedeutet ein ökologischer Lebensstil nicht nur Beschränkung, sondern auch mehr Lebensqualität, die Verbesserung der eigenen Gesundheit und der Gesundheit des gesamten Planeten.

Barbara Rütting
Sommerholz 30
A-5202 Neumarkt
Österreich
Tel./Fax: ++43 6216 4544

Translated by Bettina Alexandra Geßlein

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