European Vegetarian Union

Viva! Down Under

Juliet Gelattley berichtet über ihre Reise nach Australien, die dazu beitrug, die brutale kommerzielle Tötung von Kängurus ans Tageslicht zu bringen

English - aus EVU News, Ausgaben 4/1998 und 1/1999

Am 26. September 1997 teilte Tesco in einem Fax an die britischen Medien mit, dass man sich aus dem Handel mit "exotischem" Fleisch zurückziehen werde, die Auswirkungen fanden jedoch weltweit Widerhall. Australische Naturschutz- und Tierrechtsvereinigungen hüpften buchstäblich vor Freude über den aller ersten wirklichen Sieg für das verfolgte Känguru. Als Somerfield und Booker kurze Zeit später sich ebenfalls aus dem Handel zurückzogen, wurde Viva! down under zu einer außerordentlich großartigen Neuigkeit.

Rheya Linden von der Tierschutzvereinigung "Animal Liberation" in Victoria sagte: "Viva!s Bemühungen, den Verkauf und Konsum von Kängurufleisch in Großbritannien zu stoppen sind von größter Bedeutung für den Erfolg unserer Kampagnen hier."

"Die Industrie ist geneigt, unsere Kängurus der Ausbeutung und Tötung bis hin zum Aussterben preiszugeben. Dies wird ihr jedoch nicht gelingen, es sei denn, sie kann sich einen blühenden Exportmarkt sichern, da Kängurufleisch in der Heimat weder beliebt noch gewinnbringend ist. Kein Wunder also, dass Vertreter der Industrie rot sehen und mit entrüsteten Verteidigungsstrategien auf Viva!s Erfolg bei Tesco und Somerfield reagieren. Wir unterstützen Viva! voll und ganz. Gemeinsam können wir uns über nationale Grenzen hinweg Gehör verschaffen, denn der Schutz einheimischer Wildtiere ist ein globales Thema."

Andere Gruppen gaben darüber hinaus Kommentare in der Presse, denen Einladungen an mich nach Australien folgten. Animal Liberation Victoria war so freundlich, als Sponsor zu fungieren, mit Unterstützung der Vegan Society New South Wales (Vegetarische Gesellschaft New South Wales), dem australischen Nationalmagazin "New Vegetarian and Natural Health" (Neue vegetarische und natürliche Gesundheit) und dem in Sydney ansässigen Förderer, Richard Tenser.

Dies war meine erste Reise nach Australien. Natürlich war ich aufgeregt, aber kam mit der Bestimmung, die Medien so häufig es nur ging auf das Leid der Kängurus und die globalen Auswirkungen des Fleischkonsums aufmerksam zu machen. Ebenso entschieden war die Fleischindustrie, gegen meinen Besuch vorzugehen, in der Hoffnung, ihn zu stoppen. Vor und während meiner Rundreise wurde diese in der Presse kommentiert. Der erste Kommentar sorgte dafür, dass ich auf dem Flug nach drüben nicht die besten Sachen trug! Der Präsident der Australian Game Meat Producers Association (Vereinigung der australischen Produzenten von Wild) berichtete der in Sydney beheimateten Zeitung Sun Herald: "Wir werden ihr gleich am Flughafen mit Eimern voll grüner Farbe begegnen."

Und der Farmer Mike Wilson aus Dubbo startete eine Kampagne, um die Einwanderungsbehörde dazu zu bringen, mir die Einreise "auf Grund des Schadens, den ich für die australische Landwirtschaft bedeuten könne" zu verweigern.

Dennoch schaffte ich es, mir den Weg durch den Flughafen von Melbourne ohne Fleckenschutzmittel zu bahnen und meine Vortrags- und Medientour begann noch, bevor ich die Chance hatte auszupacken! Rheya Linden und alle bei Animal Liberation Victoria haben Großartiges geleistet, in dem sie Interviews mit - so wie es schien - den gesamten australischen Medien organisierte, wobei alle vertreten waren von der Zeitung "Murdoch University Newspaper" bis hin zur größten nationalen Fernsehsendung zu aktuellen Sachverhalten ("A Current Affair and Australia’s World News"), die in Ländern im ganzen asiatischen Raum ausgestrahlt wird. Ich war in der höchst ungewöhnlichen Position, dass TV-Sendungen sich um mich schlugen! Zwischen den Fernsehbeiträgen machte ich mehr als 40 Radiointerviews während meines dreieinhalbwöchigen Aufenthaltes.

Meine Interviews für "A Current Affair" waren bizarr. Ich überredete die Aussies Vegetarier zu werden, während sie ihr traditionelles Barbecue verdrückten, hatte aber auch das Vergnügen, mit John Kelly, dem Direktor von Lenah Game Meats, Tasmania, einem tasmanischen Wildproduzenten, zu debattieren. Herrn Kellys Firma ist nicht nur für die Tötung von Kängurus verantwortlich, sondern auch für die Käfighaltung und Tötung von Opossum zum Fleischverzehr. - Nicht beliebt in Australien, da man eine besondere Zuneigung gegenüber diesem kleinen wildlebenden Säugetier hegt. So schlachtet er sie für den Export nach China.

Ein Opossum ist ein Beuteltier von der Größe einer Katze mit fuchsartigem Gesicht und buschigem Schwanz. Es sind lebhafte Kletterer und sie sitzen aufrecht, wenn sie ihre aus Blättern, Blumen und Früchten bestehende Nahrung in den Pfoten halten. Das Weibchen trägt sein Junges vier oder fünf Monate lang in seinem Beutel und dann auf dem Rücken.

Ich fand heraus, dass die tasmanische Geschäftsführerin von Animals Australia, Jenny Sielhorst, Lenah Game Meats inspiziert hatte. Sie war äußerst betroffen, dass man die Tiere in Käfigen gefangen hielt und bis zu 22 Stunden ohne Nahrung oder Wasser sich selbst überließ. Die Größe des Maschendrahtes auf dem Boden der Käfige war zu groß und fast jedes Opossum streckte seine Beine oder den Schwanz heraus, viele verhakten sich ineinander. Die meisten Tiere hatten Wunden und alle wirkten "sehr gestresst" als sie im Schlachthof ankamen.

Jenny sagt: "Nach Einsatz des Gewehrs zum Einfangen wurden die Tiere in Plastikkisten geschleudert. Die Kisten waren voller Blut mit sich krümmenden Tieren, bevor sie in den Verarbeitungsraum geschoben wurden. Sie wurden auf eine Wanne aus rostfreiem Stahl gehievt, wo sie nochmals verblieben und sich hin- und herwanden. Man schnitt ihnen die Kehle durch und bohrte ein Loch in ihr Hinterbein, um sie an einen Haken zu hängen. Erst jetzt überprüften die Schlachter, ob in den Beuteln der weiblichen Tiere Jungtiere waren. Die verwaisten Jungtiere waren blutüberströmt ... Viele der Tiere hatten noch acht Minuten nach Abgabe des Gewehrschusses gelebt."

Ich nutzte diesen Beweis mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte gegen den reizenden Herrn Kelly und der Mann begann, zu zittern. Er versuchte nicht, Entschuldigungen für den Mord an den Tieren zu finden, sondern zog es vor, das Thema zu wechseln und sich lieber über das (in Australien) weniger kontrovers diskutierte Massaker an Kängurus zu unterhalten. Leider war eine deutliche Voreingenommenheit des Fernsehteams zu beobachten und man ließ die Folge über das Opossum sowie viele andere aussagekräftige Aufnahmen aus, mit welchen ich den Mann in die Enge trieb. Nichtsdestotrotz stellte der abschließende Bericht immer noch eine hervorragende Werbung für unsere Arbeit dar.

Animal Liberation und Senator Andrew Bartlett, australischer Politiker und Tierrechtler: Obwohl ich vor meiner ersten Rede in Australien nervös war, wurde ich mit äußerster Freundlichkeit empfangen und Peter Singer schrieb sogar in einer Zeitschriftenkolumne, dass es "sein bester Abend in diesem Jahr" gewesen sei (nein, es war nicht der 1. Januar!). Nach fünf Tagen Aufenthalt in Melbourne hielt ich mich bei einer bemerkenswerten Frau, Maryland Wilson, der Präsidentin der australischen Schutzorganisation für Wildtiere und -pflanzen (Australian Wildlife Protection Council) auf. Sie setzt sich seit vielen Jahren für die Rettung des Kängurus ein und hat Viva! schlagkräftige Munition für unseren Kampf für den Erhalt der australischen wildlebenden Tierwelt geliefert. Ich befragte sie stundenlang. Zu Beginn meiner Kampagnen für diese Themen war mir die zeitliche Differenz zwischen Großbritannien und Australien noch nicht vertraut. Während der hektischen Arbeit an unserem Siegeszug gegenüber Tesco rief ich sie um drei Uhr nachts australische Zeit an und sie beschwerte sich nicht. Das nenne ich Engagement!

Abgesehen von ein paar Flügen in andere Teile dieses riesigen Kontinents hielt ich mich die restliche Zeit über in Sydney auf. Lynda Stoner von der Tierschutzorganisation Animal Liberation in New South Wales organisierte ein weiteres straffes Programm, einschließlich eines Auftritts in der größten tagsüber ausgestrahlten Sendung Australiens, "The Midday Show" mit Kerri-Anne Kennerly. Mein Kontrahent war ein nicht allzu gesund wirkender Politiker mittleren Alters, Peter Cochran - oh ja, und ein Publikum voller Känguruschützen. Es war keine erfreuliche Debatte, aber mehr als lohnend. Da es sich um eine Live-Sendung handelte, konnte niemand meinen Beitrag beschneiden oder verdrehen. Selbst Fremde kamen in den folgenden paar Tagen zu mir und boten ihre Unterstützung an.

Die größte Herausforderung meines Aufenthaltes war der Flug in die australische Hauptstadt Canberra, wo ich eine Pressekonferenz im Parlament abhalten sollte. Fernsehteams der live ausgestrahlten nationalen und regionalen Nachrichtensendungen erwarteten mich bevor ich zu der Pressekonferenz geleitet wurde, wo ich einer ganzen Batterie von Kameras, Radio und Presse gegenüberstand. Ich war im wahrsten Sinne des Wortes alleine - so schluckte ich tapfer und stellte mich. Die Organisation oblag Senator Andrew Bartlett, einem engagierten Vegetarier und sympathischen Politiker mit Prinzipien, der in angenehm ruhigem Ton spricht. An dieser Stelle möchte ich mich bei Andrew bedanken. Mehrere Male begegneten mir Kängurus auf meiner Reise; den Höhepunkt stellte jedoch ein Besuch an einer heiligen Stätte dar, die der Känguru-Gemeinschaft gehört.

Dort hatte ich das riesige Privileg, ein verwaistes Jungtier mit der Flasche zu füttern und sah sowohl Eastern und Western Greys (Graukängurus) als auch rote Kängurus, die allesamt einfach einem sicheren Zufluchtsort entgegeneilten, wo sie niemals von einer brutalen und kaltblütigen Industrie niedergestreckt werden können.

Mein Dank gilt der Gesellschaft der Veganer von New South Wales, die diesen wundervollen Tag organisierte.

Mein lohnendstes Gespräch hatte ich in der State Library (staatliche Bibliothek) von Sydney mit Vertretern der Gesellschaften der Veganer und Vegetarier, der Tierrechtsorganisation "Animal Liberation" und Richard Jones, Mitglied des Legislative Council von New South Wales, der beherzt für die Kampagne eintrat. Bei einer Teilnehmerzahl von 400 Leuten war die Atmosphäre elektrisierend. Wir empfanden, dass wir gemeinsam die wildlebende Flora und Fauna Australiens retten können, dass es uns gelingt, die Lügen einer krankhaften und skrupellosen Industrie offen zu legen, dass der Erfolg in Großbritannien nur der Anfang war. Viva! - Es lebe Australien und seine vielen engagierten Menschen!

Translated by Bettina Alexandra Geßlein

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