European Vegetarian Union

Gentechnologie
Bericht für die Tribuna Medica Ticino
Urs Guthauser, 1997

English - from EVU News, Issue 2 /1997 - Italiano

photo
Dr. Urs Guthauser, Aerztinnen und Aerzte für Umweltschutz, via Ubrio 2, 6616 Losone, Switzerland
Tel.: +41 (0)91 756 71 11
Fax: +41 (0)91 752 27 26
e-mail: uguthau@dial.eunet.ch

Zusammenfassung:
Aus wissenschaftlichen, medizinischen und wirtschaftlichen Gründen wird heute die Gentechnologie weltweit stark gefördert. In nur 20 Jahren haben wir in dieser Technologie eine dermassen hohe Entwicklungsstufe erreicht, dass wir ganz entscheidend in die Natur eingreifen können. Man hofft, damit noch tiefere Erkenntnisse der Lebensfunktionen zu erhalten, neue und effizientere Therapiemöglichkeiten für schwere Krankheiten zu entwickeln und neue Märkte mit hohen Profiten zu erschliessen. Es können aber Gefahrenpotentiale, die mit der Genmanipulation verbunden sind, übersehen oder unterschätzt werden. So stehen wir vor der Tatsache, dass aus ökonomischen Interessen gefährliche Freisetzungen gentechnisch veränderter Pflanzen, Produktion und Patentierung transgener Tiere für die Nahrungs- und Medikamentenproduktion ohne vorhergehende zuverlässige Risikoabklärung und Technikfolgenabschätzung stattfinden.

Zudem führt die medizinische Forschung mit den transgenen Tieren eine wissenschaftlich und ethisch-moralisch äusserst kontroverse Methodik ein. Die Technikfolgenabschätzung ist erst in den Anfängen, und eine Risikoabwägung ist bis zum heutigen Zeitpunkt nahezu unmöglich. Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist für viele Bereiche der Gentechnologie aus verständlichen Gründen nicht vorhanden. In dieser Arbeit werden die ökologischen, gesundheitlichen, ökonomischen, sozio-politischen und ethischen Implikationen der Gentechnologie kritisch hinterfragt. Grenzen und Gefahren werden aufgegriffen. Wir meinen, dass die Gesellschaft der Wirtschaft und der Wissenschaft ganz klare Grenzen bei der Anwendung der Gentechnologie setzen muss und fordern deswegen den kritischen öffentlichen Diskurs mit Einbezug sämtlicher Interessengruppen.

Einführung:
Die Wissenschaft, Politik und Gesellschaft muss sich heute mit riesigen globalen Umweltproblemen auseinandersetzen (1,2). Viele Krankheiten (AIDS, BSE, Alzheimer, Krebs etc) fordern die medizinische Forschung aufs äusserste heraus. Trotz massiven Anstrengungen haben wir für viele Krankheiten noch wenig effiziente Therapiemöglichkeiten. Grosse Hoffnung setzt man deshalb auf die Biotechnologie. Mit den Methoden der Gentechnologie kann der Mensch in nicht voraussehbarem Ausmass die Lebenswelt beeinflussen und erreicht damit eine Eingriffstiefe in eine völlig neue Dimension, welche nicht mehr den erdgeschichtlichen Gesetzen der Evolution unterstellt ist. Wir können ganz fundamental in die Lebensprozesse eingreifen, die langwierigen, natürlichen, evolutiven Anpassungen der Lebensformen massiv beschleunigen, Artengrenzen überschreiten und gemäss menschlichem Willen neue Konstrukte bilden, welche zielgerichtet den Nutzungsinteressen des Menschen dienen.

Die phylosophisch-wissenschaftliche Grundhaltung dafür liegt in der reduktionistisch-mechanistischen Denkweise des Philosophen Descartes und des Physikers Newton, welche postulieren, dass in jedem komplexen System das Verhalten des Ganzen anhand der Eigenschaften der Teile analysiert werden kann. Man studiert Krankheiten auf der Basis der eindirektionalen Gen-Phänotyp-Beziehung und sieht das Lebewesen hauptsächlich als Expressionsprodukt seiner Gene.

Gemäss ökologischer Denkrichtung lassen sich die Eigenschaften der Teile nur im Kontext des grösseren Ganzen, der gegenseitigen Wechselwirkungen und Vernetzung mit der Umwelt verstehen. Die Phänotypisierung geschieht so unter epigenetischer Kontrolle (3). Der wissenschaftliche Ansatz ist weniger analytisch, dafür um so mehr ein kontextbezogenes Denken, ein Systemdenken, was auch Umweltdenken ist (4). Es gründet auf einem tiefen ökologischen Bewusstsein und sieht den Menschen als einen Faden im Netz des Lebens in wechselseitiger Beziehung mit der Natur und nicht ausserhalb oder über ihr. Dem neuen Paradigma liegt eine neue Wertstruktur zugrunde, indem es jedem Lebewesen einen innewohnenden Wert und Selbstzweck anerkennt; es lehnt die anthropozentrische Weltsicht ab (5).Wir sehen uns mit gegensätzlichen Ansichten der Lebensphänomene, der Wertung der Mitwelt und der Beurteilung der Stellung des Menschen konfrontiert. Dementsprechend fällt auch die Kritik und Beurteilung der Gentechnologie und ihren Auswirkungen, ganz entsprechend dem Blickwinkel, unterschiedlich aus. Was für die einen die Verheissung der Zukunft und unersetzlicher Alltag in der Medizin und Forschung ist, bedeutet für die anderen, in bestimmten Anwendungsbereichen, eine unkalkulierbare Bedrohung und Missachtung der Lebenswelt.

Wir Aerztinnen und Aerzte für Umweltschutz halten die Gentechnologie für ein potentiell gefährliches Instrument, wenn nicht die Einwirkebene ganz klar definiert und eingeschränkt wird. Wir sind der Meinung, dass wegen des hohen Gefährdungspotentials und der besonderen Tragweite einer unkontrollierten und kontrollierten Anwendung, die Entscheidungen ausserhalb von Fachgremien und direkt beteiligten Interessengruppen gemacht werden müssen und streben deshalb den öffentlichen Diskurs an.

Bei der Diskussion zur Applikation der Gentechnologie, ist es unbedingt erforderlich, den Human- vom Ausserhumanbereich zu trennen, zumal in den verschiedenen Gebieten verschiedene Ziele anvisiert werden und den Genmanipulationen teils andere Interessen und Gefahrenpotentiale zugrunde liegen.

Im Ausserhumanbereich stellen sich Fragen im Gebiet der Oekologie, der Beeinflussung der Gesundheit von Mensch und Tier, der Sozio-Oekonomie und der Ethik. Er überlappt mit dem Humanbereich bei der Herstellung und Nutzung von transgenen Tieren in der medizinischen Forschung, in der Pharmaproduktion und in der Produktion von Organen für die Xenotransplantation. Dies impliziert, dass heute die Wissenschaftler auch wissenschaftstheoretische Fragen nach dem Einfluss der Gentechnologie und deren Resultate auf die Gesellschaft und Mitwelt stellen und lange bestehende Tabus überwinden müssen. Die sogenannt " wertfreie Forschung " muss als Selbsttäuschung hinterfragt werden und bioethische Ueberlegungen sollten schon in die Grundlagenforschung einfliessen. Der Einbezug der Nachhaltigkeit, d.h. der Schutz der genetischen Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten und die Gefahrenpotentiale in der Anwendung der Gentechnologie dürfen nicht wegen kurzfristiger ökonomischer Vorteilen vernachlässigt werden. Die Aerzte und Aerztinnen für Umweltschutz sehen in folgenden Punkten ungelöste Probleme.

Oekologie (11):
Die absichtliche (gemäss EU-Richtlinie, 90/220/EWG) wie unabsichtliche Freisetzung genmanipulierter Organismen in ein Oekosystem bedeutet ein Risiko. Es gibt zahlreiche Versuche diese Gefahrenpotentiale mit risikologischen Ansätzen zu beherrschen (6,7,8,9,10). Mit der Freisetzung sind aber die wesentlichen Sicherheitsbarrieren von Laboratorien und Produktionsanlagen durchbrochen. Mensch und Umwelt sind unmittelbar und kontinuierlich grossen Mengen von gentechnisch veränderten Organismen (Pflanzen, Mikroorganismen, Viren) und somit einem höchstmöglichen Risikograd ausgesetzt (11). Die spezielle Risikoqualität der Gentechnologie beruht auf der Tatsache, dass die Risikoquelle:

  • lebt,
  • sich selbstreproduziert,
  • horizontaler Gentransfer stattfinden kann
  • im Schadenfall nicht rückholbar ist.
Eine Rückholbarkeit oder Desinfektion ist im Schadenfall gänzlich ausgeschlossen. Diese Tatsache unterscheidet einen Eventualschaden ganz wesentlich von Chemierisiken oder Strahlenrisiken, welche sich auf bestimmte Stoffe beschränken und örtlich-zeitlich definiert sind. Die Natur wird zum offenen Laboratorium (11). Die verschiedenen Gefahrenpotentiale sind ungeklärt (12) und nur qualitativ beschreibbar (13). In der Risikoabwägung sind sich die Experten uneinig (14) und sie beruht vorwiegend auf Kleinfeldversuchen, welche in vielen Parametern (Menge, Fläche, Zeitfaktoren, Selektionsdruck, Kontrollierbarkeit) für die Grossfeldfreisetzung nicht repräsentativ sind (15). Langzeiteffekte über Jahrhunderte sind nicht überprüfbar und die Risikoabwägung kann immer nur auf Modellsysteme beschränkt werden. Es handelt sich also um hypothetische unkalkulierbare Risiken (16):
  • mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit, die grösser als Null ist.
  • bei denen der Kausalzusammenhang zwischen Risikoquelle und dem eingetretenen Schaden nicht oder nicht sicher nachweisbar ist.
  • die ein untolerierbar hohes maximales Schadenausmass zur Folge haben können.
  • die aufgrund dieser Charakteristika in ihren Auswirkungen nicht mehr im Experiment getestet werden können.
Konkret handelt es sich um folgende Risiken (Amman Daniel):
  • Gentransfer durch Auskreuzung mit Wildarten ausgehend von transgenen Pflanzen mit hohem Genaustausch. Bsp.: transgene Sonnenblumen, transgener Hafer oder Raps.
  • Spontane Hybridisierung, welche nach Genmanipulation häufiger als vermutet ablaufen.
  • Uebertragung von Herbizidresistenzgenen auf Unkräuter. Die Herbizidstrategie wird so in wenigen Jahren nutzlos.
  • Gleichbleibender oder vermehrter Herbizid- und Pestizideinsatz. (Gemäss Expertise vom agrarwirtschaftlichen Institut ETH Zürich)
  • Entstehung von gesundheitsschädigenden Abbauprodukten in transgenen Pflanzenzellen (Oestrogenwirkung, kanzerogene Wirkung etc.)
  • Uebertragung des Transgenes einer Pflanze mittels Pollenflug (mehrere Kilometer) auf andere Pflanzen. Ausbreitung von transgenen hybriden Pflanzen wegen selektiven Vorteilen. Entwicklung von Wildpflanzen zu Unkraut.
  • Nachhaltige Störung des Oekosystemes durch die Invasion fremdartiger transgener Pflanzen. Die zeitliche Verzögerung der Auswirkungen kann bis zu 200 Jahren dauern.
  • Resistenzentwicklung durch schädlingsresistente transgene Pflanzen.
    Bsp.: Der anvisierte Schädling konnte in der schädlingsresistenten Bt-Baumwollpflanze (USA) entgegen den bisherigen Erfahrungswerten trotzdem seine Wirkung entfalten und einen Teil der Ernte vernichten.
  • Langzeiteffekte. Wegen ungenügender Aussagekraft theoretischer undexperimenteller Modelle bleibt nur eine Langzeitbeobachtung, um negative Auswirkungen im Oekosystem möglichst früh zu erfassen. Folgeschäden können dann bereits irreversibel sein.
  • Unmöglichkeit einer Prävention.
  • Weitere Faktoren wie horizontaler Gentransfer, Neukombination von Viren, Störung von Artengemeinschaften machen eine Risikoerwägung unmöglich, somit wird eine nachhaltige Entwicklung ausgeschlossen.
Gesundheit:
Mit der Genmanipulation und ihren Expressionsprodukten werden Substanzen in Nutzpflanzen und Nutztiere eingeführt, welche bis anhin in diesen Organismen nicht auftraten. Viele dadurch bedingte Gefahrenquellen lassen sich theoretisch definieren, jedoch das Ausmass einer möglichen Schädigung kaum kalkulieren. Besonders unsicher ist die Abschätzung des Schadens bei Langzeitkonsum dieser Produkte. Bei den Substanzen handelt es sich um neue Proteine (Expressionsprodukte) viraler, bakterieller, pflanzlicher oder tierischer Herkunft. Ein Gefährdungspotential liegt unter anderen in der Tatsache, dass diese Proteine in der Regel nicht dem natürlichen Ausgangsmolekül entsprechen, weil Unterschiede in der Aminosäuresequenz vorkommen. In der Literatur werden Fehlerraten im Ablesungsvorgang der RNS zum Eiweiss bis zu 20% beschrieben (17). Es besteht auch die Möglichkeit der Resorption von gentechnisch produzierten Proteinhormonen und Wachstumsfaktoren durch den Gastrointestinaltrakt (18). Gene können sich in unterschiedlichem Kontext verschieden verhalten. So kann sich ein Rinder-Gen, gemäss Hinweisen, in einem Apfel-Genom neuartig ausprägen (19).

Es ensteht ein hohes Potential an neuen Allergenen, welches gemäss FDA, mangels existierender Methoden, nicht vorausgesagt werden kann (20). So haben Sojapflanzen mit eingebautem Paranuss-Gen bei sensibilisierten Personen schwere allergische Reaktionen ausgelöst (21), obwohl sich das verantwortliche Eiweiss "2S-Albumin" im Tierversuch als harmlos erwiesen hat. Es bestehen riesige Lücken in der Allergieforschung (22) und wie das 2S-Albumin der Paranuss zeigt, sind Tiermodelle dafür ungeeignet.

Dazu kommt, dass ähnliche Eiweisse nicht immer ähnlich allergen sind. Das Eiweiss Tropomyosin der Krevetten ist z.B. ein starkes Allergen, die sehr ähnlichen Tropomyosine in Huhn- oder Rindfleisch hingegen nicht (23). Das Risiko unerwarteter Allergien ist bei Einsatz der Gentechnologie grösser als in der klassischen Züchtung, weil in der Gentechnik nicht nur artverwandte Pflanzen, sondern die Gesamtheit aller Pflanzen, Tieren und vieler Mikroorganismen als Genquelle zur Verfügung stehen (24).

Antibiotikaresistenzgene werden als Erkennungsgene an das interessierte Gen gekoppelt, um die Identifikation der erfolgreich behandelten Zellen zu ermöglichen. Die Expressionsprodukte der aktiven Antibiotika-Resistenzgene, welche mit dem entsprechenden Nahrungsmittel in den Darmtrackt gelangen, können ein therapeutisch zugeführtes Antibiotikum deaktivieren. Durch horizontalen Gentransfer besteht die Möglichkeit der Uebertragung dieser Gene auf die im Darmtrackt vorkommenden pathogenen Keime, welche die entsprechende Resistenz übernehmen und eine Therapie erschweren und das Problem der Resistenzentwicklung noch verschärfen (25). Dies scheint am grössten bei Mikroorganismen zu sein, die ihre neuen genetischen Eigenschaften auf Plasmiden tragen, welche den tierischen und pflanzlichen Ausgangsstoffen zur Weiterverarbeitung zugesetzt werden (Joghurt, Käse, Salami, Sauerkraut etc) (26). Die Produzenten haben bis heute keinen gültigen wissenschaftlichen Beweis, dass diese Probleme beherrscht werden könnten.

Die Abbauprodukte der Herbizide in den transgenen Pflanzen haben ein schwer kalkulierbares toxisches, kanzerogenes und mutagenes Potential und über die Gesundheitsfolgen der Expressionsprodukte der Toxin-Genen in Nahrungspflanzen ist in der Literatur nichts schlüssiges zu finden (26). In vitro wurde eine Schädigung der Erythrocyten durch das Bacillus thuringiensis-Toxin nachgewiesen (27). Beim unvermeidbar unpräzisen Einbau von Fremdgenen ins Genom von Nahrungsmitteln, muss auch mit Positionseffekten gerechnet werden (11). Die finale Wirkung des Fremdgens wird durch den räumlichen Kontext im Empfängergenom bestimmt, welches eine Risikoeinschätzung erschwert oder gar verunmöglicht. In mehreren Versuchen werden solche Effekte beschrieben (28,29,30).

Neue abweichende Stoffwechselwege, mit unbestimmtem Effekt, können induziert werden. Mehrere Beispiele werden in der Literatur beschrieben: Gentechnisch hergestelltes L-Tryptophan führte zu schwerwiegenden Gesundheitsstörungen (Eosinophilie-Myalgie-Syndrom) mit Todesfolgen. (31,32). Es ist jedoch trotz intensiver Forschung noch nicht klar, ob sie ein Effekt der Genmanipulation oder Resultat des Reinigungsverfahrens sind. Das Breitbandherbizid Glyphosat, welches für Bohnen verwendet wurde, verursachte eine unerwünschte Oestrogenwirkung bei Mäusen (33).

Oekonomie:
Die Aussagen über die wirtschaftliche Bedeutung der Gentechnologie sind kontrovers und zuverlässige Prognosen eventueller ökonomischer Vorteile sind anhand der bestehenden Daten nahezu unmöglich (39). Betrachtet man die Entwicklung in den USA, sind allzu euphorische Aussichten kritisch zu bewerten. Daten für Europa sind in diesem Bereich leider schwierig zu bekommen und die Bio- und Gentechnologie wird oft nicht getrennt beurteilt (34). In den USA nimmt die Gentechnik einen Anteil von 0.1% des Gesamtarbeitsmarktes ein, was ungefähr der Quote der Schweiz entspricht.

Von den acht Millionen in den USA neugeschaffenen Arbeitsstellen der letzten vier Jahre fallen nur 0.5% auf die Gentechnologie. In der Schweiz wurden in den letzten Jahren in der Chemiebranche ständig Stellen abgebaut (34). Aus dieser Sicht ist die Bedeutung der Gentechnik auf dem Arbeitsmarkt nicht sehr hoch. Die drei Basler Chemiefirmen Ciba, Sandoz und Roche haben in den Jahren 1990-1995 sieben Milliarden Dollar in die Gentechnologie der USA investiert (35). Dies lässt eine starke Gewichtung der Auslandstandorte erkennen. Die Verluste und Umsätze ( in Milliarden Dollar) der US-Biotech-Firmen betrugen in den Jahren (34);

Verluste Umsätze
1986 1.4 1.1
1991 2.0 2.9
1996 4.6 9.3

Wobei mit ca. 80% der Schwerpunkt der US-Gentechnik im human-medizinischen Bereich liegt. Die Gentechnologie-Branche hat aus naheliegenden Gründen einen sehr hohen Investitionsbedarf, weshalb im Gegensatz zu traditionellen Firmen ein starkes Missverhältnis zwischen Forschungskosten und Ertrag besteht (37). In Deutschland wird jeder Gentechnik-Arbeitsplatz mit jährlich 29000 DM subventioniert. Auch in der Schweiz wird der Aufbau einer Gentech-Industrie auf die massive Zufuhr von öffentlichen Mitteln angewiesen sein. Eine wesentliche Verlagerung der Bedeutung der Standortfaktoren innerhalb der nächsten Jahren ist trotzdem nicht zu erwarten (38).

Gentechnisch hergestellte Medikamente bringen nur eine wesentliche Umsatzsteigerung, wenn neue Anwendungen auf breiter Front stattfinden und nicht nur, wie beim Insulin, das herkömmliche durch ein neues Medikament ersetzt wird. Oekonomisch begründete Gentechnologieförderung ist demnach in Zukunft kritisch zu hinterfragen.

Soziale und politische Implikationen:
Unsere Oekonomie basiert auf der These des ewigen Wachstumes, des unbegrenzten Fortschrittes und der technischen Allmachbarkeit und hat damit zwar den materiellen Reichtum der Industrieländer vermehrt, aber zugleich die weltweite soziale und ökologische Problematik verschärft. Dies wird in der Literatur umfangreich dokumentiert (1,2) Führt uns die Gentechnologie aus diesem Dilemma hinaus, oder geraten wir wieder in eine Sackgasse? Da müssen wir uns viele noch offene Fragen stellen.

Ist es nicht ökonomisch wichtig zu wissen, ob eine finanziell sehr aufwendige Gentechnologie für die Drittweltländer wirtschaftlich sinnvoll und finanzierbar ist und ob sie dadurch nicht noch viel mehr in die Abhängigkeit der Industrieländer gedrängt werden? Wie sieht die Sozialverträglichkeit aus bei der Frage nach dem gesellschaftlichen Umgang mit den neuartigen gesundheitlich-ökologischen Risiken (Mitsprache- und Entscheidungsprozesse, Beteiligungsansprüche etc.)?

Welche Konsequenzen sind zu erwarten in der Verteilung der neuen Güter, Vereinbarkeit von Sicherheit und Freiheit, Erhaltung von organisch gewachsenen Sozialsystemen wie Kleinbauern, Naturvölker etc.? Werden die neuen gentechnischen Produkte für die Bevölkerung in den armen Ländern überhaupt erschwinglich sein, oder werden sie zur Vergrösserung der Wohlstandsdifferenz zwischen Nord und Süd beitragen?

Sind gentechnisch erzeugte Medikamente (Gene-Farming) und vor allem Diagnostika für den grössten Teil der Menschen auf dieser Erde gesundheitspolitisch überhaupt relevant, in Anbetracht der Tatsache, dass man hauptsächlich mit der Hebung des Wohlstandes, der Hygiene, der Bildung, der Gleichberechtigung der Frauen und einer ausgewogenen Ernährung die Morbiditäts- und Mortalitätsraten in der dritten Welt wesentlich senken könnte? Könnten nicht Massnahmen wie eine veränderte Nahrungsmittelpolitik, im Sinne einer drastischen Senkung der Futtermittelproduktion für die Fleischproduktion zugunsten der Kultivierung von Nahrungspflanzen, den Welthunger massiv entschärfen?

Sechs Siebtel der weltweiten Pflanzenproduktion endet in der Fleischproduktion wo 90% der Primärenergie verloren geht (39)! Fördert nicht die Einführung von Standard-Gentech-Pflanzen die Monokultur mit all ihren negativen Folgen? Die Ausweitung von Mischkulturen mit einheimischen Pflanzen und ökologischer Anbauweise würde hingegen die Entwicklung von kleineren sozialen Einheiten unterstützen und viel zur Erhaltung der Artenvielfalt und Artresistenz beitragen. Sollte nicht die Nahrungsmittelproduktion vermehrt wieder dorthin verlagert und konsumiert werden, wo die Nahrungsmittel naturgemäss vorkommen, anstatt Pflanzen gentechnisch so zu verändern, dass sie an völlig unnatürlichen Standorten gedeihen können?

Wir Aerztinnen und Aerzte für Umweltschutz sind überzeugt, dass diese und noch viele unerwähnte sozial-politische Fragen dringend beantwortet werden müssen, bevor wir Mechanismen in Gang setzten, die wir nicht mehr beherrschen können.

Transgene Tiere und Ethik:
Mit der Produktion und Verwendung transgener Tiere hat sich die Wissenschaft auf eine Ebene begeben, welche in wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und vor allem ethisch-moralischer Hinsicht von verschiedener Seite nicht mehr kritiklos hingenommen wird. Risikoabschätzungen, namentlich bei der Xenotransplantation, sind unmöglich durchzuführen. Wie soll man z.B. die Harmlosigkeit von Viren, die bei der Xenotransplantation vom Tier auf den Menschen übertragen werden können, zuverlässig beweisen, wenn man deren Existenz nicht einmal kennt (40,41)?

Der Schweizerische Wissenschaftsrat hat im Zusammenhang mit transgenen Tieren einen Fragenkatalog aufgestellt und ist zum Schluss gekommen, dass die Bedeutung transgener Tiere in der Erforschung menschlicher Krankheiten sich noch nicht klar abschätzen lässt (42). Die Diskussion zum wissenschaftlichen Aspekt der Genmanipulation an Tieren würde den Umfang dieses Artikels sprengen, weshalb ich mich auf ethische Ueberlegungen beschränke.

Das höchste Gut eines jeden Lebewesens ist sein individuelles Leben und sein grösstes Interesse besteht darin, es sich zu erhalten; dieses Dogma bleibt wohl unbestritten.

Zu jedem individuellen Leben gehört auch seine ganz spezifische Würde, welche in unserer Bundesverfassung (Art. 24 Novies Abs. 3) allen Kreaturen garantiert wird. Wir wissen, was Menschenwürde ist, aber was verstehen wir unter der Würde der Kreatur? Ist die Würde unter den Lebewesen hierarchisch abgestuft, was eine Wertung impliziert, oder kann sie artspezifisch und in seinem Wert der Menschenwürde gleichgestellt sein? Je nach philosophisch-religiöser Denkrichtung fällt die Beurteilung verschieden aus.

So vertritt J. Schenkel (43) die anthropozentrische Sicht: " Transgene Experimente sind sicherlich dann vertretbar, wenn sie zum Verstehen von Mechanismen von schwer oder nicht heilbaren Krankheiten oder zur Grundlagenforschung beitragen, falls diese Fragestellungen anderweitig nicht beantwortet werden können. Ebenfalls akzeptabel ist die Pharmaproduktion mit transgenen Tieren." Eine gegensätzliche Sicht beschreibt der wissenschaftliche Beirat des Umweltbeauftragten des Rates der Evangelischen Kirche Deutschland 1991 (44):

"Eine Nutzung der Tiere ist nur zulässig, solange sie weder mit Schmerzen noch mit Leiden zugunsten erhöhter Produktionsleistung für den Menschen verbunden ist und solange die Würde der Tiere gewahrt bleibt. Auch das Leben der Tiere ist grundsätzlich geschützt. Die Tötung von Tieren ist lediglich als Barmherzigkeit geboten, um ein unheilbares Leiden zu beenden, oder sie muss als Notwehrhandlung und in vergleichbaren Extremsituationen hingenommen werden".

G.M.Teutsch (44) kommt in seiner Studie von 62 Autoren, die sich mit der Würde des Menschen und der Mitwelt befassen, zum Schluss: " Tiere werden in ihrer Würde als Kreatur gefährdet oder verletzt, wenn ihr Anderssein als Tiere und ihr spezifisches Sosein sowie ihre Entwicklungsmöglichkeit nicht akzeptiert, sondern verändert wird und wenn sie überwiegend als Mittel und zuwenig als Zweck an sich betrachtet werden. Dies trifft insbesondere bei gentechnischen Eingriffen zu und wenn die Tiere zu reinen Messinstrumenten degradiert werden, z.B. in der Toxizitätsprüfung".

Wir Aerztinnen und Aerzte für Umweltschutz unterstützen vollumfänglich die These von G.M.Teutsch und sind der Meinung, dass die Würde von Mensch und Tier unteilbar ist. Die Kreatur hat einen Eigenwert und Selbstzweck unabhängig der Nutzungsinteressen des Menschen und damit eine Würde. Teutsch schreibt (44):

"Die Würde der Kreatur fordert uns auf, ihren Eigenwert zu achten, der unabhängig von all unseren Wertsetzungen besteht. Zu solcher Achtung ist nur der einsichtsfähige Mensch in der Lage. Sich bei Handlungen vom Wohl anderer Lebewesen leiten zu lassen, ist deshalb immer auch eine Frage menschlichen Selbst- und Weltverständnisses und damit letztlich eine Frage menschlicher Würde".

Diese Sicht hat weitreichende Konsequenzen und fordert unsere Gesellschaft auf, auch auf mögliche Vorteile der menschlichen Interessen auf dem Gebiet der Forschung, Medizin und Wirtschaft zu verzichten, wenn damit die Würde der Kreatur erhalten wird und Leiden in der Tierwelt vermieden werden kann. Dies ist um so nachdrücklicher zu fordern, da die Erfahrung zeigt, dass Tiermodelle nur sehr rudimentär zu erfolgreichen Therapieansätzen bei menschlichen Erkrankungen führen (z.B. Onkomaus, cystische Fibrosemaus etc.). Die Tierzahlen können mit transgenen Modellen zwar für einen einzelnen Versuch reduziert werden, andererseits scheint es jedoch durch die starke Expansion des transgenen Bereiches insgesamt zu einer Vermehrung der Tierversuche zu kommen (45).

Die Generierung eines transgenen Tieres ist mit schweren Belastungen verbunden (45) und die Zahl der Qualzuchten hat durch die gentechnische Veränderungen von Tieren stark zugenommen (42). Wir lehnen eine Güterabwägung zwischen Tierbelastung und menschlichem Nutzen ab, weil die Genmanipulation am Tier per Definition und der Tatbestand der schweren Belastung allein schon die Würde der Kreatur verletzt. Alternativen auf der Stufe der zell- und molekularbiologischen Methoden der Gentechnologie betrachten wir als Ersatz für transgene Tiere und fordern den Schwerpunkt der Investitionen in diesem Gebiet der Bio- und Gentechnologie.

Fazit:
In der Biotechnologie findet eine rasante Entwicklung statt, welche in der Gentechnologie seine folgenschwerste Form erreicht hat. Die Menschheit wird von der neuen Entwicklung unvorbereitet überflutet. Prinzipien und Konsequenzen kann sie noch zu wenig verstehen, weil alles viel zu schnell und wenig transparent abläuft. Die wissenschaftlichen, medizinischen und wirtschaftlichen Interessen sind dermassen hoch, dass sich fast unbemerkt eine enorme Kraft zugunsten der Gentechnologie entwickelt hat. Es arbeiten immer mehr Superspezialisten, die von immer weniger immer mehr verstehen,mit ihrem spezialisierten Know how an einer für die Integrität von Mensch und Natur gefährlichen Schnittstelle.

Die Wissenschaft hat nach der Atomenergie ein weiteres Mal eine Grenze erreicht, die sie ohne den gesellschaftlichen Konsens, mag es noch so utopisch klingen, nicht überschreiten darf. Wegen der Tragweite der Gentechnologie für Mensch und Natur, darf der Entscheid nicht den Experten und intern rekrutierten Ethik-Komissionen überlassen werden, sondern er muss nach grundlegendem, offenem Diskurs durch die gesamte Gesellschaft getragen werden. Dabei ist wichtig, dass bei der Entscheidungsfindung alle Interessenvertreter paritätisch beteiligt sind. So könnte eventuell eine allzu einseitig anthropozentrisch begründete Nutzungsargumentation relativiert werden.

Insbesondere erfordert es neue ökologische und soziale MaDFstäbe, welche der Mitwelt den ihr gebührenden Wert und die Würde zugestehen, auch wenn die Menschheit dafür auf Erkenntnisgewinn verzichten muss. Mit der kommenden Gen-Schutz-Initiative haben wir die Gelegenhei, in der Schweiz diesen Diskurs zu eröffnen.

Literaturverzeichnis:

  1. Zur Lage der Welt. Jahresberichte des Worldwatch-Institute in Washington.
  2. Wouter van Dieren. Mit der Natur rechnen. Der neue Club-of-Rome-Bericht.Birkhäuser 1995
  3. Strohmann R. Epigenesis: The missing Beat in Biotechnology? Biotechnology 12.2.94
  4. Capra Fritjof . Lebensnetz. Scherz-Verlag 1996
  5. Devall Bill and George Sessions. Deep Ecology. Salt Lake City 1985
  6. Fiksel J. et al. Pergamon Press, 1986
  7. Risk Assessment for Deliberate Releases. Springer Verlag, 1988
  8. Mooney H.A. et al. Introduction of genetically modified organisms into the environment. Scope 44, John Wiley and Sons, 1990
  9. Levin M. et al. Risk Assessment in Genetic Engineering. Mc Graw-Hill Inc., 1991
  10. Stewart-Tull D.E.S. et al. The Release of Genetically Modified Microorganisms-REGEM. Plenum Press, 1992
  11. Ammann D. Gentechnologie und Nahrungsmittel. Hrsg. AerztInnen für Umweltschutz. Schweiz
  12. Kollek R et al. Die ungeklärten Gefahrenpotentiale der Gentechnologie. J.Schweitzer Verlag, München 1986
  13. Tiedje J.M. et al. The planned introduction of genetically engineered organisms: ecological considerations and recommendations. Ecology 70(2), 298 (1989)
  14. Rehmann-Sutter CA. Gefährlichkeit unbekannter Gefahren. Rekombinante Pflanzen im Freiland? Eine Kontroverse mit Barbara Weber und Ingo Potrykus. Folia Bioethica Nr. 11. 1992
  15. Perrow Ch. Normale Katastrophen. Die unvermeidbaren Risiken der Grosstechnik.. Campus Verlag 1987
  16. Koechlin F. Amman D. Morgen Materialband zur Gen-Schutz-Initiative SAG 1995. Realotopia-Verlagsgenossenschaft Zürich
  17. Scorer C.A. et al. Amino acid missincorporation during high-level expression of mouse epidermal growth factor in E.coli, Nucleic Acids Research 19,3511 (1991)
  18. Rullman T. Genetic engineering and food safety, CEAT’s Clearinghouse on Biotechnology, Mail-out No. 14, Sept 1992
  19. Krinsky S. A rose is a rose; or is it? GeneWatch, Vol 8, No 2, S2,1992
  20. Tappeser B. Verzicht ist der beste Schutz. 1995, GID 103/104, S. 41
  21. Nordlee J.A. et al. Identification of a brazil-nut allergen in transgenic soybeans. New England J. of Med. 1996, 688
  22. Fox J.F. FDA attacks food allergens. Bio/Technology, 1994, 12, 568
  23. Köchlin Florianne. Oekoskop, Nr. 3.96, S.12, Informationszeitschrift AerztInnen für Umweltschutz.
  24. Frank-Oberaspach S. et al. Gentechnisch veränderte krankheits- und schädlingsresistente Nutzpflanzen. 1996, Band 1, Materialien, Fachstelle BATS Basel
  25. Davies J. Inactivation of antibiotics and the dissemination of resistances genes.
  26. Tappeser B. Welche Risiken liegen in der Nutzung des gentechnischen Methodenrepetoires? Oekoinstitut, Werkstattreihe Nr. 78, 1992
  27. Schenkelaars. Resistance against Bacillus thuringiensis. CEAT's Clearinghouse on Biotechnology, Mail-out Nr. 12, Feb. 1992a.
  28. Bonnerot C. et al Pattern of expression of position-dependent integrated transgenes in mouse embryo. Proc.Natl. Acad. Sci. 87, 6331, 1990
  29. Crace C.M. et al. ChromosomenTranslokationen und Krebs. Spektrum der Wissenschaft, Mai 1985
  30. Kozyrovskaya N.A. et al. Changes in properties of phytopathogenic bacteria affected by plasmid pRD1, Arch. Microbiol. 137, 338, 1984
  31. Kaufman L.D. et al. Medicine 69, 187, 1990
  32. Hayle R. Eating biotechnology. Bio/Technology 11, 24, 1993
  33. Sandermann H. et al. Risikobewertung der künstlichen Herbizidresi-5. stenz. Biologische Sicherheit, BMFT, Band 1, S.285. 19886.
  34. Spaar G. Das neue Eldorado. Die wirtschaftliche Bedeutung der Gentechnologie. Hrsg. Basler Appell gegen Gentechnologie.
  35. Cash, 49/1995, S.218.
  36. Green D. Mountains to climb. Finanzial Times. 27. Nov. 1995, S. IV
  37. Ernst u. Young. LLP, Biotech 95
  38. Binet O. Biotechnologie-Standort-9. Schweiz. Eine politisch-ökonomische Analyse der Rahmenbedingungen, Basel, April 1996
  39. Pawellek et al. Biotechnologie-Gentechnik. Eine Chance für neue Industrien. Th. von Schell und H. Mohr, Springer-Verlag, 1995
  40. Wilson E.O. Der Wert der Vielfalt. Piper-Verlag, 1992, S.168
  41. McClure M.A. et al.Proc. Natl. Acad. Sci. USA 1988, 85, 2469-73
  42. Kiing V. Gentechnologie im medizinischen Bereich. Schweiz. Wissenschaftsrat. Dez.1995, S.71
  43. Schenkel J. Transgene Tiere. Spektrum-Verlag 1995, S.186
  44. Teutsch G.M. Die Würde der Kreatur. Haupt-Verlag 1995
  45. Falkner E. et al. Endbericht zur Studie: Tierversuche: Gentechnologie und Ersatz- und Erganzungsmethoden. Institut für medizinische Physik und Biophysik und Zentrumfiir Ersatz- und Erganzungsmethoden zu Tierversuchen. Graz 1996


© European Vegetarian Union - http://www.ivu.org/evu