European Vegetarian Union

BSE - Die katastrophalen Fehler der konservativen britischen Regierung

Aus EVU-News, Ausgabe 1/1997 - English


Colin Spencer ist Vorsitzender der 'Guild of Food Writers'. Seit 1980 hat er mehr als 15 Bücher zum Thema Vegetarismus veröffentlicht, darunter Bücher über vegetarische Ernährung und vegetarische Kochbücher. Vor Kurzem wurde sein Buch 'The Heretic’s Feast' veröffentlicht, eine Geschichte des Vegetarismus. Außerdem ist er engagierter Journalist. Bereits seit vielen Jahren macht er die Öffentlichkeit auf die Ausbeutung sogenannter 'Nutztiere' und auf andere aktuelle landwirtschaftliche Skandale aufmerksam.

Was wird in den nächsten Jahren mit der Fleisch- und Milchindustrie geschehen? Dieser riesige agro-industrielle Monolith beherrscht unsere Ernährung (und stopft uns mit gesättigten Fetten voll), hat unsere Landschaft regelrecht kolonisiert (und dabei Mülldeponien und Wasserwege verschmutzt) und beherrscht die Nahrungsmittelindustrie, die den Großteil der EU-Subventionen absahnt. Ich stelle diese Frage, weil ich glaube, daß die Tatsache, daß die Hälfte unserer Milchkühe auch heute noch mit BSE infiziert ist, eine Zeitbombe darstellt und daß wir kurz vor dem Untergang stehen. Mit dieser Auffassung stehe ich beileibe nicht alleine da. Abgesehen von anderen Kritikern der laxen Haltung der Regierung, darunter viele bedeutende Menschen, vermute ich bereits seit langem, daß die Regierung selbst diese Auffassung teilt. Schließlich war es die Regierung, die zehn Jahre lang die notwendigen Forschungen aufgeschoben hat, mit der nachgewiesen werden könnte, mit welcher Wahrscheinlichkeit BSE auf den Menschen übertragen werden kann.

Die Regierung hat deswegen nichts unternommen, weil sie befürchtete, einen riesigen, gewinnträchtigen Industriezweig bloßzustellen, der vom Steuerzahler subventioniert wird und dessen Produkte auf dem unvermeidlichen Weg hin zu Krankheit und Tod (aufgrund eines Übermaßes an Fett) verzehrt werden. Wenn die Regierung sich angesichts dieser Lage nicht von Anfang an hilflos, entsetzt und panisch fühlte, warum wurden dann die Statistiken bereits seit 1985 geschönt? In den Jahren 1988 und 1989 behauptete das Landwirtschaftsministerium, daß 1986 7 Fälle von BSE aufgetreten seien. 1993 sprach man bereits von 60 Fällen. Später dann deuteten erste Anzeichen darauf hin, daß bereits ein Jahr zuvor, also im Frühjahr 1985, die ersten Fälle von BSE bekannt geworden waren. Die Kühe können diese Erreger jedoch bereits seit bis zu sechs Jahren in sich getragen haben.

Daraus geht hervor, daß seit 1980 BSE-infizierte Kühe, bei denen die Krankheit jedoch noch nicht ausgebrochen war, zu Nahrungsmitteln verarbeitet wurden. Diese Nahrungsmittel waren für den menschlichen Verzehr gedacht, jedoch auch für Haustiere, Tiere in zoologischen Gärten und für Geflügel, das für den menschlichen Verzehr gezüchtet wurde. Im Jahr 1988 richtete die Regierung einen Ausschuß unter dem Vorsitz von Sir Richard Southwood ein, das sich unter anderem mit dem Risiko auseinandersetzen sollte, das BSE für die menschliche Gesundheit darstellt. Im Juli desselben Jahres wurde ein Futtermittelverbot verabschiedet, in dem das Füttern von Rindern und Schafen mit Proteinnahrung tierischen Ursprungs verboten wurde. Im August wurde beschlossen, an BSE erkrankte Tiere aus der Nahrungsmittelkette zu nehmen und ihre Körper zu verbrennen oder zu vergraben. Ende des Jahres beschloß man, außerdem die Milch dieser erkrankten Tiere zu vernichten. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Milch mit der Milch nicht erkrankter Tiere vermischt und verkauft worden. Acht Jahre lang haben also Menschen sowohl das Fleisch als auch die Milch dieser kranken Rinder verzehrt - und diese Produkte waren sogar ins Ausland exportiert worden. Innereien sowie Kälber (Kalbfleisch) und Kalbshirn, eine sogenannte 'Delikatesse' in französischen und italienischen Restaurants, waren jedoch von diesem Verbot ausgenommen.

Im Jahr darauf sagte der Bericht des 'Southwood Committee' voraus, daß die Gesamtzahl der BSE-Fälle bei maximal 20.000 liegen würde, daß keine Übertragung vom Rind aus stattfinden könne und daß die Gefahr für den Menschen minimal sei. Ein anderer Ausschuß, das 'Tyrrell Committee', empfahl, die Anzahl der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankungen (BSE beim Menschen, kurz CJE) über die nächsten 20 Jahre hinweg zu überwachen. Ende des Jahres 1989 wurde auch die Verwertung von Innereien, Hirn, Wirbelsäule, Milz, Thymusdrüse, Därmen und Mandeln erkrankter Tiere verboten. Dieses Verbot betraf vor allem Billigprodukte, da diese 'Abfallprodukte' stets zu einer Masse verarbeitet wurden, in dem all die weniger appetitlichen Teile einer Tierleiche verwertet wurden, die nicht an der Fleischtheke verkauft werden können. Diese Masse wurde unter anderem zu Wurst, Fleischpasteten, Fleischpatés sowie Hunde- und Katzenfutter verarbeitet.

Anfang der neunziger Jahre stellte man fest, daß auch Katzen an BSE erkranken konnten (Infektionsquelle: Katzenfutter aus Dosen, 55 Katzen sind bereits gestorben). Außerdem hatten sich Strauße im Zoo von Hannover (Infektionsquelle: kontaminiertes Futter) und daß die Krankheit leicht auf Schweine übertragen werden konnte. Daraufhin wurde die Verwertung von Rinderinnereinen in diesen Futtermitteln verboten. 1993 wurde in Experimenten bewiesen, daß sich Mäuse am Gewebe von Katzen, die an BSE gestorben waren, mit der Krankheit anstecken konnten. Somit waren die Versicherungen der Regierung, daß BSE nicht von einer Spezies auf eine andere übertragen werden konnte, als unhaltbar erwiesen. Darüber hinaus starben zwei Milchbauern, deren Herden BSE-infiziert waren, an der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung. Laut Aussage der Regierung handelte es sich dabei lediglich um einen Zufall.

Anfang 1995 wurde bei einem sechzehnjährigen Mädchen in Wales die Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung diagnostiziert. Dies kam als große Überraschung, da man bisher geglaubt hatte, daß diese Krankheit beim Menschen eine Inkubationszeit von mindestens 15 Jahren habe. In einem so jugendlichen Alter war noch kein einziger Fall von CJE bekannt. Zu dieser Zeit gab es immer mehr Hinweise darauf, daß eine vertikale Übertragung von einer Kuh auf ihr Kalb möglich war. Doch obwohl Bauern die Tierärzte der Regierung riefen, wenn ein Verdacht auf BSE bestand, behaupteten die Tierärzte häufig, es handle sich lediglich um eine Ketose, also einen pathologischen Zustand. Dennoch wurde im Juni 1995 die Verarbeitung von Innereien und der Thymusdrüse von Kälbern unter sechs Monaten zu Lebensmitteln verboten. Zumindest hatte das Ministerium nun zugegeben, daß sehr junge Tiere, die keinerlei Anzeichen der Krankheit zeigten, dennoch infiziert sein könnten. Seltsamerweise wurde jedoch das Hirn dieser Kälber nicht verboten. Gleiches gilt für das Fleisch - das dürfte wohl dem Einfluß des berühmt-berüchtigten Handels mit Kalbfleisch zuzuschreiben sein.

Die Anzahl der BSE-Fälle ist heute mehr als acht mal höher als die vom Southwood Committee als maximal vorhergesagte Zahl. Obwohl die Regierung mittlerweile zugegeben hat, daß auch Kälber ein Risiko darstellen können, hat sie nicht gewagt, uns darauf hinzuweisen, worin das tatsächliche Risiko liegt. Damit BSE vertikal übertragen werden kann, muß der Erreger (die Prionen) im Blut vorhanden sein. Das bedeutet, daß dieser Erreger im ganzen Tier verteilt und somit in dem von Menschen verzehrten Fleisch vorhanden ist. Dies ist umso gefährlicher, da Fälle bekannt geworden sind, in denen Kühe, die keine Anzeichen einer BSE-Infektion zeigten, Kälber mit BSE geboren haben. Daraus läßt sich schließen, daß infizierte Rinder, die keine Anzeichen von BSE zeigen, zu Nahrungsmitteln verarbeitet werden - wie dies schon immer der Fall war. Obwohl Regierungskritiker gefordert haben, daß im Schlachthaus das Fleisch anscheinend gesunder Kühe stichprobenartig auf den BSE-Erreger hin überprüft werden soll, wurde dies nie umgesetzt.

Milchkühe werden in der Regel im Alter von etwa sechs Jahren ausgemerzt, BSE tritt normalerweise im Alter von etwa vier oder fünf Jahren auf. Da es keine Kühe gibt, die älter als sechs Jahre sind, wissen wir nicht, ob auch ältere Tiere an BSE sterben könnten. Milchkühe, die jahrelang um der Milchproduktion willen ausgebeutet werden, sind völlig verbraucht, wenn sie ausgemerzt und geschlachtet werden. Ihr Fleisch wird zu Würsten, Fleischpasteten und Hamburger verarbeitet. Die Fast-Food-Imperien könnten ohne die Milchindustrie gar nicht überleben. Hierin liegt der Grund, warum die Regierung nicht härter durchgegriffen hat. Regierungen legen sich nur ungern mit den großen Nahrungsmittelimperien an, denn diese sind Teil des internationalen Netzwerks in den riesigen multinationalen Konzernen, die immer mehr unser tägliches Leben beherrschen.

Somit sind Kinder, Schwangere und alle anderen, die große Mengen an billigen Fleischprodukten, vor allem Hamburger, verzehren, besonders gefährdet. Diese Aussage würden Regierung und die Fleischindustrie als aufwieglerisch ansehen, da es keinen unwiderlegbaren Beweis dafür gibt, daß man sich an diesen Nahrungmittel mit der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung anstecken kann. Die Regierung erkennt zwar an, daß diese Möglichkeit besteht, hat jedoch erst vor Kurzem CJE zu einer meldepflichtigen Krankheit erklärt. Im vergangenen Jahr (1996) dagegen, als schließlich eine mögliche Verbindung zwischen BSE und CJE bekanntgegeben wurde, wurden CJE-Infektionen nur dann registriert, wenn die Erkrankung in einer Autopsie nachgewiesen wurde. Heute gibt es viele Familien, die behaupten, daß ihre Angehörigen an CJE gestorben seien, da jedoch keine Autopsie durchgeführt wurde, tauchen diese Todesfälle in keiner offiziellen Statistik auf. Es wurde auch nicht verfolgt, wie viele gesunde Kühe aus infizierten Herden geschlachtet und verwertet wurden. Fast scheint es, als weigere sich die Regierung, sich mit diesem kontroversen Thema auseinanderzusetzen, weil sie Angst davor hat, was sie finden könnte. Falls sie doch mal näher hinschauen sollte, werden diese Informationen nie veröffentlicht.

Man wiegt sich in Sicherheit beim Verzehr von Rindfleisch, da CJE eine lange Inkubationszeit hat. Wenn jedoch seit 1980 infizierte Lebensmittel verzehrt wurden, dann ist die Inkubationszeit von fünfzehn bis zwanzig Jahren fast vorbei. Sollte es einen starken Anstieg der CJE-Fälle in der Bevölkerung im Verlauf der nächsten Jahre geben, wird man uns dann darüber informieren? Wird man uns davor warnen, Fleisch und Milch zu verzehren? Das bezweifle ich sehr.

Professor Lacey hat die Frage aufgeworfen, warum es nie eine großangelegte Initiative gegeben hat, Behandlungsmöglichkeiten für BSE oder CJE zu entwickeln. Warum fand nie eine Debatte oder eine Ideenaustausch zwischen Forschern im Auftrag der Regierung und anderen Forschern statt? Warum haben wir weiterhin Tiere in andere Länder ausgeführt und somit für eine Infektion von Rinderherden in Irland, der Schweiz, Frankreich, Kanada, Dänemark und Deutschland gesorgt? Sowohl in Kanada als auch in Deutschland wurde immer die ganze Herde vernichtet, wenn ein einziger Fall von BSE entdeckt wurde - in Fällen von Maul- und Klauenseuche wurde dies auch in Großbritannien durchgeführt, bei BSE wurde diese Maßnahme jedoch nie auch nur in Erwägung gezogen.

Im schlimmsten Fall würde eine CJE-Epidemie in Großbritannien das Ende der Milch- und Fleischindustrie wie wir sie kennen, das Ende der Hamburger-Imperien und das Ende der fehlgeleiteten Vorstellung, daß Kuhmilch gesund sei, bedeuten. Eine verantwortungsbewußte Regierung wäre angesichts dieses entsetzlichen Skandals zurückgetreten, doch die Konservative Partei stellt sich erneut zur Wahl. Sollte diese Regierung wiedergewählt werden, wird sie dann Maßnahmen durchsetzen, um den Verbraucher zu schützen? Solche Maßnahmen würden auf jeden Fall von der enorm mächtigen Fleisch- und Milchindustrie bis aufs Messer bekämpft..

Colin Spencer
Winchelsea Cottage, High Street, Winchelsea, East Sussex TN23 4EA, England
Tel/Fax +44 1797 226 378



Deutsche Übersetzung von Eva Stabenow EVStabenow@aol.com

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