European Vegetarian
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Auch ohne Ananas

Vegetarismus im Leben und der Literatur Russlands

English - aus European Vegetarian, Ausgabe 2-3/2000

Prof. Dr. Brang
Prof. Dr. Peter Brang lehrte von 1961 bis 1990 Slawische Philosophie an der Universität Zürich.

Wir sind verhältnismäßig gut informiert über die Geschichte der fleischlosen Ernährung in Westeuropa und den Vereinigten Staaten. Während der vergangenen sechzig Jahre sind viele Studien über Vegetarismus veröffentlicht worden, angefangen bei dem klassischen Werk von Johannes Haussleiter "Der Vegetarismus in der Antike" (1935) bis zu den Beschreibungen der Geschichte des Vegetarismus von Janet Barkas (1975) und Colin Spencer (1993), dem Buch von Albert Wirz über Max Bircher-Benner und John H. Kellogg (1993), sowie dem Artikel von Hans-Jürgen Teuteberg über die Sozialgeschichte des Vegetarismus in Deutschland (1994) (1). Über Vegetarismus in Russland ist jedoch sehr wenig bekannt. In Minsk, der Hauptstadt von Belarus, erschien 1992 die russische Übersetzung eines polnischen Buchs über Vegetarismus. Die Übersetzung und Veröffentlichung dieses Buchs (100 000 Exemplare) war durch die Tatsache gerechtfertigt, dass es in russischer Sprache sehr wenig über Vegetarismus gab und dies in den meisten Fällen polemisch war, denn lange Zeit war eine negative Haltung gegenüber der vegetarischen Lebensweise in Russland vorherrschend.
Dennoch hat der vegetarische Gedanke in diesem Land eine lange Geschichte, dominiert von religiöser Tradition. Russische Mönche verzichten auf Fleisch, während westliche Klostergemeinschaften dies nicht tun (mit Ausnahme der Trappisten und Kartäuser). Es ist sehr bedeutsam, dass im Lebenslauf von Sergej Radoneschski (1314 - 1392 - d.h. des russischen Heiligen, der mit der höchsten Blütezeit des klösterlichen Lebens in Russland in Verbindung gebracht wird) der Verzicht auf Fleisch eine große Rolle spielt.
Der künftige Heilige wollte niemals an der Brust seiner Mutter trinken, wenn diese Fleisch gegessen hatte. Und mittwochs und freitags, den russischen Fastentagen, wollte er keine Milch trinken.
Während des 19. und 20. Jahrhunderts war der Verzicht auf Fleisch bei mehreren russischen religiösen Sekten üblich. Turgenjew deutet diese Tatsache in einer seiner literarischen Skizzen aus dem " Notizbuch eines Sportlers" - in der Geschichte von Kasyan - an. Einige Mitglieder der russischen geißelnden Sekten waren anscheinend Vegetarier, ebenso wie die berühmten Duchoborzen: Mehr als 7000 von ihnen emigrierten 1898 mit Hilfe von Tolstoj nach Kanada.
Viele Menschen in Europa wissen bis zum heutigen Tage nicht, dass sich der Vegetarismus innerhalb der Menschheitsgeschichte weit ausgedehnt hat. Gebildete Leute haben Kenntnis von den Pythagoreern. Wo ist jedoch in der Enzyklopädie der Artikel über Leonardo da Vinci, der dem Leser sagt, dass dieser ein leidenschaftlicher Vegetarier war? Nach den Worten Colin Spencers fand er in den sechzig Biografien über Leben und Werk Leonardos nur eine, in welcher dessen Vegetarismus erwähnt wurde. Was die russische Literatur anbetrifft, so informierte Dmitri Mereschkowski in seinem europäischen Bestseller über Leonardo (1901) seine Leser über die Neigung des Protagonisten. In Kapitel VI des Romans "Tagebuch des Giovanni Boltraffio" (1494 - 1495) erfahren wir, dass Leonardo von Kindheit an kein Fleisch essen mochte.
Er sagte, dass eines Tages alle Menschen mit einer vegetarischen Ernährung zufrieden sein würden und dass Tierschlachtung als ein Verbrechen angesehen werde - ebenso wie der Mord an einem Menschen. Dieser Aussage folgte eine Szene vor einem Metzgerladen und später eine von einem der Schüler des Meisters, der sich wunderte, wie die Grausamkeit einiger von Leonardos Zeichnungen zu dem seligen Mann passe, "der die Tiere liebt, der auf die Genüsse des Fleischessens verzichtet". Wie viele Leute wissen, dass Thomas Moore der erste war, der in seiner Utopia von 1516 das Problem der immensen Verluste an landwirtschaftlicher Nutzfläche zur Sprache brachte, welches auf den "Umweg" über den Tierkörper zurückzuführen ist? Vielleicht ist Benjamin Franklins und Voltaires zeitweilige Hinwendung zur fleischlosen Lebensweise bekannt, vielleicht mag man sich daran erinnern, dass Rousseaus Julie, la Nouvelle Héloïse ("Julie oder die neue Héloïse") "n’aime ni la viande, ni les ragouts; d’excellents légumes, les oeufs, la crême, les fruits, voilà sa nourriture ordinaire; et sans le poison qu’elle aime aussi beaucoup, elle serait une véritable pythagoricienne." Mancher mag davon Kenntnis haben, dass Percy Bysshe Shelley (1792 - 1822) der erste vegetarische Dichter Englands war; jedoch ist in der Regel nicht bekannt, dass er neben dem Gedicht "Queen Mab" (und seiner langen Anmerkung Nr. 17 mit Informationen über Vegetarismus) den Aufsatz "A Vindication of Natural Diet" (Eine Rechtfertigung der natürlichen Kost) schrieb. Sein Werk und sein Beispiel waren in gewisser Weise bedeutsam für die Entstehung der vegetarischen Bewegung in England. Jedoch kamen die entscheidenden Impulse von der "Vegetarian Coalition" (Vegetarisches Bündnis) der Bible Christian Church in Manchester (1809) und - wie allgemein bekannt - war dort der Entstehungsort der Vegetarischen Gesellschaft, die 1847 gegründet wurde.
Die sozialen, wirtschaftlichen und ethischen Auswirkungen der in England und Deutschland aufkommenden vegetarischen Bewegung wurden kürzlich von Spencer und Teuteberg aufgezeigt. In diesen Studien wird sehr wenig über Russland ausgesagt. Dennoch machte der Vegetarismus auch dort bemerkenswerte Fortschritte in den 25 Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, ungeachtet der unterdrückenden Maßnahmen der zaristischen Obrigkeit und der orthodoxen Kirche. Die Bewegung fand zunächst Anklang in Teilen der intellektuellen Kreise, besonders unter bestimmten Schriftstellern und bildenden Künstlern. Vegetarische Gesellschaften wurden gegründet, die erste in St. Petersburg am 01. Dezember 1901. Bis zum Jahre 1915 existierten in St. Petersburg, das nun wieder in Petrograd umbenannt wurde, ebenso wie in Moskau, Kiew, Odessa, Poltawa, Saratow, Minsk. Tscharkow, Rostow am Don, Ekaterinodar und Schitomir, weitere Gesellschaften
Vegetarische Restaurants entstanden in vielen Städten. Im ersten Jahr zählte das 1909 gegründete "Vegetarische Hauptrestaurant" in Moskau 11 000 Besucher, 1910 waren es 72 000, 1911 152 000, 1912 349 000 und im Jahre 1913 fanden sich dort 500 000 und 1914 643 000 Besucher ein. Es gab einige Versuche, vegetarische Zeitschriften ins Leben zu rufen; von 1904 bis 1905 existierte in St. Petersburg "Der Vegetarische Bote" (Vegetarianskij Vestnik), von 1909 bis 1915, zunächst in Kischinjow und dann in Kiew, "Die Vegetarische Rundschau" (Vegetarianskoe obozrenie) und von 1914 bis 1915 und dann wieder im Jahre 1917 in Kiew ein zweites Magazin mit dem Titel "Der Vegetarische Bote". Im April des Jahres 1913 konnte man den ersten "Gesamtrussischen Vegetarierkongress" in Moskau erleben. Der Ausbruch des Krieges und die Oktoberrevolution setzten der vegetarischen Bewegung in Russland ein Ende - so wie dies für vieles andere galt.
Tatsache ist, dass für die vegetarische Bewegung im zaristischen Reich Leo Tolstoj eine bedeutende Rolle spielte. Er begann 1883 sein Leben auf vegetarischer Grundlage aufzubauen.1892 veröffentlichte er seinen Aufsatz "Der erste Schritt", der wiederholt 1893 als Einleitung zur russischen Übersetzung von Howard Williams’ Buch "The Ethics of Diet" (Die Ethik der Nahrung) veröffentlicht wurde. Mehrere russische Schriftsteller waren von Tolstojs Beispiel tief beeindruckt - insbesondere N.S. Leskow, D.V. Grigorowitsch, M.P. Artsybaschew, I.A. Bunin, V.V. Majakowski, I.F. Naschiwin und A.P. Barikowa (einige von ihnen wurden Vegetarier); Tolstojs Vegetarismus (und seine Motive dafür!) brachte einige Maler wie I.E. Repin und N.N. Gay dazu, ihre Ernährung auf fleischlose Nahrung umzustellen; der Bildhauer P.P. Trubezkoj hatte dies bereits auf seine eigene Initiative hin getan.


Titelseite des russischen Journals "Vegetarian Review", Dec 1914.

Tolstojs Interesse an Fragen der Ernährung kam weit vor den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts auf; bereits 1857 während seines Besuches in der Schweiz war er überzeugt, dass sich seine Gesundheit verbessert habe, seit er seinen Konsum an stimulierenden Getränken und Fleisch reduziert habe: "Jamais depuis que j’ai cessé de boir du vin, du thé, du café et que je mange moins de viande, je me sens bien." Tolstoj und Vegetarismus - dies ist ein weitreichendes Thema, das bereits zuvor behandelt wurde (besonders von Prof. R.F. Christian). In dieser Dokumentation wollen wir in unseren Überlegungen den Schwerpunkt auf die Haltung einiger anderer Schriftsteller gegenüber dem Vegetarismus legen.
Ein Schriftsteller spricht verschiedene Fälle von Grausamkeit gegenüber Tieren an. Der Autor war verärgert über die Tatsache, dass 1895 ein einziges norwegisches Schiff 30 000 Häute von Seehunden transportierte, die auf grauenvolle Weise getötet worden waren. Er bezweifelte das Recht des Menschen, Tiere für den Zirkus zu trainieren. Diese Probleme werden heute noch diskutiert.
Grigorowitsch, andererseits, war beteiligt an den gescheiterten ersten Bemühungen, ein vegetarisches Magazin in Russland herauszugeben. 1893 wurde im Hause Tolstojs der Plan eines jungen Studenten namens Smirnow diskutiert, ein Magazin mit dem Titel "Der erste Schritt" zu veröffentlichen. Das Programm schloss nicht nur Fragen der Ernährung ein, sondern auch einige Überlegungen zu Ethik und Sexualität. Grigorowitsch war dabei und da er gute Verbindungen zum Hofe des Zaren hatte - er hatte die Funktion eines Lektors - bat Tolstoj ihn, dort um Erlaubnis zu ersuchen. Grigorowitsch erhielt einen Entwurf des Programms der Zeitschrift für seine persönliche Information. Er war naiv genug, diesen Text an die Person bei Hofe auszuhändigen, mit der er sprach. So kam es, dass dem armen Smirnow, als er beim Komitee der Zensoren wegen Genehmigung des Konzepts vorsprach, gesagt wurde, die Erlaubnis könne nicht erteilt werden. Smirnow war erstaunt: das Konzept - so sagte er - sei sehr bescheiden. "Ja", sagte der Zensor, "das Konzept, das Sie uns sandten, ist bescheiden, aber dies kann man nicht von demjenigen behaupten, dass wir von Grigrowitschs "Eine russische Geschichte" erhielten." Eine sehr enge Anlehnung an Tolstojs Ideen der moralischen Arbeit an sich selbst und einer fleischlosen Ernährung begann, als einer der berühmtesten Schriftsteller der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts, Nikolaj Leskow, zum ersten Male mit Tolstoj in Moskau am 04. April des Jahres 1887 zusammentraf.
1889 veröffentlichte Leskow einen Artikel mit dem Titel "Über Vegetarier oder mitfühlende Menschen und die Fastenzeit" in der Zeitschrift "Neue Zeit" (Novoe Vremja). Leskow berichtete seinen Lesern über einen gewissen Malinowski, der gemäß Zeitungsberichten bis zum Alter von 60 Jahren bei sehr guter Gesundheit war und über volle Leistungsfähigkeit verfügte, obwohl er weder Fleisch noch Fisch essen mochte, da er solche Nahrung verabscheute. Leskow wollte wissen, ob dieser Mann so lebte wegen seiner Abscheu gegenüber Fleisch oder wegen des Tötungsaktes, den Tiere erleiden müssen, bevor man Teile ihres Körpers auf einem Teller servieren kann. Dies war - so Leskow - eine sehr interessante und wichtige Frage: Vegetarismus, für den persönlicher Geschmack oder gesundheitliche Probleme ursächlich waren, war nicht der Rede wert. Vegetarismus jedoch als Ergebnis der Verabscheuung des Tötungsakts war ein moralisches Phänomen. Unter dem gemeinen Volk war nur Letzteres ein Objekt der Ehrfurcht - "mitfühlende Menschen", die kein Fleisch essen mögen, weil es das Produkt des Schlachtens ist.
Unter der gewöhnlichen Bevölkerung Russlands werden Ihnen junge ebenso wie alte Menschen begegnen, die niemals etwas von Vegetarismus gehört haben, jedoch weder Fleisch noch Fisch essen. Es ist keine große Anzahl, aber sie sind zahlreicher als diejenigen [aus dem Kreis der Intellektuellen], die dem Vegetarismus folgen. Sie folgen lediglich ihrem Mitgefühl.
Drei Jahre später veröffentlichte Leskow in demselben Magazin einen Aufruf "Über die Notwendigkeit der Verfügbarkeit eines gutgemachten Kochbuchs für Vegetarier". Er wies darauf hin, dass solche Kochbücher in deutscher und sehr viele in englischer Sprache existierten. Vegetarier in Russland, deren Anzahl ständig stieg, benötigten ein solches Buch dringend. Es gab jedoch keinen Autor, der es schreiben würde - eine gute Köchin, die der englischen Sprache mächtig war! Sie würde eine Auswahl an Rezepten aus englischen Kochbüchern herausfiltern müssen, die den in Russland verfügbaren Produkten und dem russischen Geschmack entgegenkämen. Leskow erklärte, er sei bereit, die Initiative zu ergreifen und lud interessierte Damen ein, ihn anzuschreiben.
Dieser kühne Aufruf löste eine Welle des Belächelns und Verspottens seitens der russischen Presse aus. Ein Kritiker behauptete, Leskow würde während des Schlafs in Träumereien über Schlachthäuser schwelgen und im Wachzustand Schinken gierig verschlingen und Seifenopern über das durch Rindfleisch entstandene Unheil schreiben. Leskow antwortete in einem Leserbrief mit dem Titel: "Literarische Rechtfertigung". Seine "Torheit" - so sagte er - habe man in mehreren Zeitungen ins Lächerliche gezogen und die Autoren wollten darauf bestehen, dass die Anstifter zu diesem "Blödsinn" Leo Tolstoj und Wladimir Solowjow [der Philosoph] gewesen seien. Leskow entschied sich dafür, nicht über seine Torheit zu sprechen; was jedoch den angeblich von Tolstoj und Solowjow ausgeheckten "Blödsinn" anging, empfand er, dass eine Richtigstellung erforderlich sei. Die "blödsinnige Angewohnheit" kein Fleisch zu essen, praktizierten neben einer riesigen Anzahl unbekannter Menschen viele renommierte Persönlichkeiten der Vergangenheit und Gegenwart. Und dann folgt eine sehr detaillierte "Aufstellung von Vegetariern", die von Zarathustra und Buddha, Pythagoras, Epikur, Seneca, Ovid, Juvenal, Origenes und Johannes Chrysostomos bis hin zu Rousseau, Franklin, Pascal, Byron, Shelley, Schiller, Alexander von Humboldt und anderen reicht. Lamartine wurde ausführlich aus der Erinnerung zitiert. Die Kampagne der Journalisten gegen Leskow löste bei vielen Zeitgenossen, unter ihnen Anton Tschechow, Entrüstung aus.


Nikolaj Leskov, gemalt von V. Serov, 1894

Nikolaj Leskow wies nicht nur auf die Notwendigkeit eines russischen Kochbuchs für Vegetarier hin und verteidigte die vegetarische Lebensweise gegen spöttische und feindliche Artikel in der russischen Presse; er sprach sich auch in mehreren privaten Briefen der frühen Neunzigerjahre zugunsten der Ernährungsreform aus. So riet er in einem Brief an den Verleger Suvorin vom Oktober 1892 diesem, kein Fleisch zu essen. Es sei notwendig, diese Welt in ein Paradies zu verwandeln, in einen von Gott kultivierten Garten, schrieb er. Die Ethik der Nahrung sei eine Frage von entscheidender Bedeutung. Er selbst hatte ein Jahr zuvor aufgehört Fleisch zu essen. In mehreren Briefen sprach Leskow von den Vorteilen einer fleischlosen Ernährung, die Pflanzenkost, Milch und Eier einschloss. - Insgesamt ist jedoch nicht deutlich, in welchem Ausmaß sein Festhalten an einer derartigen Ernährungsweise ethisch bzw. medizinisch motiviert war.
In der Biografie über seinen Vater, die erst 1954 erschien, schrieb Leskows Sohn Andrej ein Kapitel mit dem Titel "Ohne Fleisch aus dem Schlachthaus", in welchem er sich über seinen Vater lustig machte. Er behauptete, Leskow habe "Unterricht in fleischloser Ernährung" bei Tolstoj genommen, sprach von "Tisch-Askese" und erinnerte den Leser, dass sein Vater einst (1881) die Geschichte "Die Revolte eines Bauern in der Gemeinde Dobryn" geschrieben habe. In dieser Erzählung wird uns berichtet, dass die Bauern junge Schweine zu Ehren von Basil, dem Prediger von Caesarea, geschlachtet haben. Nach dem Glauben der Bauern würde dies die Tiere erfreuen, da jedes für ein christliches Fest geschlachtete Tier "dem Messer mit Freude begegne". Als die geschlachteten jungen Schweine in der frostkalten Nacht aufgereiht dastanden und die Stümpfe ihrer Pfoten hochhielten, sagten die Bauern: "Seht an, wie die jungen Schweine auf diese Weise mit unserem Vater, dem Priester, sprechen. Wir werden sie zum Feste des Heiligen von Caesarea verspeisen." Andrej Leskow meinte, dies seien "klassische Zeilen" mit der naiven Freude am Leben der gewöhnlichen Leute, ohne jeglichen Hinweis auf seines Vaters künftiges Predigen der Enthaltsamkeit und des Vegetarismus. Er übersah das insgesamt kritische Bild, das sein Vater von dem Priester abgibt, der ein Trunkenbold war.
Vegertarismus ist ein Thema in mehreren der späteren Erzählungen Leskows. So ist in der Erzählung "Figura" (1889) der Titelheld ein passionierter Gärtner. Er lebt in der Nähe von Kiew und verkauft seine Gurken, Kürbisse, Melonen, Kohlköpfe, rote Bete und Rettiche auf dem Markt. Er lebt zusammen mit einer jungen Frau, Christja, und deren Tochter Katja. Die drei nehmen aus Mitleid gegenüber den lebenden Geschöpfen keinerlei Fleisch oder Fisch zu sich, "nichts, was sich des Lebens bewusst ist". Der Erzähler erfährt, dass Figura diese Haltung von seiner Mutter ererbt hat, die weder Fleisch noch Fisch isst, aus Mitleid mit diesen Lebewesen. Über die Tiere sagte sie: "Diese habe ich lebend gesehen und so sind sie meine Bekannten und ich kann meine Bekannten nicht essen." Der Priester sagte ihr, dass Gott selbst die Dinge so gemacht habe, wie sie sind und er zeigte ihr in der Euchologion die Gebete für die Weihung des Fleisches, konnte sie jedoch nicht überzeugen.
Als sich ihr Sohn, Figura, als junger Offizier aufgrund seiner religiösen Überzeugungen außerstande fühlte, die vom Gesetz verlangten Sanktionen (sich zu duellieren) zu erfüllen, war sein General kurz davor, ihn vom Dienst zu entlassen. Er gab Figura den Rat, Mönch zu werden, als der junge Mann sich einmal weigerte Fleisch zu essen. Im Kloster, erklärte der General, könne er auch hervorragenden Fisch bekommen. Figura gab zur Antwort: "Ich esse auch keinen Fisch". - Sie essen auch keinen Fisch? Warum? - Sehr wahrscheinlich ist das bei mir angeboren. Meine Mutter isst ebenfalls niemals das Fleisch getöteter Tiere, nicht einmal Fisch. - Wie eigenartig! Das bedeutet, sie essen nur Pilze und Grünzeug? - Und Milch und Eier. Es gibt so vieles, das wir essen können." In einem Brief an Tolstoj gab Leskow zu erkennen, dass diese Person wirklich existiert hatte: der Prototyp von Figura war der Begründer des ukrainischen Stundismus - einer der religiösen Sekten. 1890 schrieb Leskow seine Erzählung "Mitternachtsgespräche". Zunächst war keine russische Zeitung bereit, sie zu drucken. Schließlich erschien sie im Herbst 1891. Die Heldin ist eine junge Frau, eine Anhängerin Tolstojs. Sie ist strenge Vegetarierin. Wegen ihrer Ansichten und ihrer Lebensweise wird sie zur Vernehmung vorgeführt. Für das Fleisch von Tieren, das zum Verzehr bestimmt ist, benutzt sie konsequent den Ausdruck "Leiche", wie Tolstoj es manchmal selber tat und wie Leskow dies in seinen Briefen zu tun pflegte. Als die Vernehmenden sie fragen, welche Leichen sie meine, antwortet sie: "Die toten Körper von Vögeln und Tieren." Die zum Verzehr bereiteten Gerichte, sagte sie, "bestünden meistens aus Leichenteilen". Die Beamten führen mit Claudia ein Kreuzverhör durch, da man "diesen Unsinn heutzutage bei vielen Leuten findet und wir müssen davon Kenntnis haben." Der zaristische Staat und die orthodoxe Kirche wollten Informationen über die Anhänger Tolstojs haben ...
"Ein Wintertag" ist der Titel einer anderen Erzählung Leskows, in der die Lehre Tolstojs eine Rolle spielt. Zwei junge Frauen, Lidya und ihre Dienerin Fedora, sind Anhängerinnen der Gewaltlosigkeit. In einer Diskussion werden sie mit dem Vorwurf konfrontiert, dass Tolstoj "das Fleischessen verbietet"; sie antworten, dies sei nicht wahr.
1884 wurde auf Tolstojs Initiative hin das Verlagshaus Posrednik in Petersburg gegründet. 1892 zog es nach Moskau und propagierte Tolstojs Ideen, unter anderen den Vegetarismus. Anton Tschechow war nicht daran beteiligt, korrespondierte jedoch mit mehreren der Autoren, die mit Posrednik zusammenarbeiteten. 1893 bat er einen von ihnen, Gorbunow-Posadow, ihm zwei oder drei Bücher über die Probleme des Vegetarismus zu senden. In Tschechows Bibliothek wurde ein vegetarisches Kochbuch gefunden, das Notizen aus seiner Hand enthielt. Tschechow war Arzt, aber kein Vegetarier. Er hatte sich eine Zeit lang für die Ideen Tolstojs interessiert. 1894 schrieb er jedoch in einem Brief an Suvorin einen Satz, der sehr oft zitiert worden ist: "Reflektion und Gerechtigkeit sagen mir, dass in Elektrizität und Dampfkraft mehr Liebe zum Menschen als in Keuschheit und Enthaltsamkeit beim Fleischverzehr liegt."
Dennoch schrieb Tschechow in den folgenden Jahren mehrere Geschichten, in welchen er sich mit dem Vegetarismus beschäftigte. So wollte in der Erzählung "Mein Leben" (1896) der Held Misail, ein junger Edelmann, sein Geld durch die Arbeit seiner Hände verdienen. Er arbeitet als Anstreicher, aber auch in einem Schlachthof. Der Gouverneur der Provinz versucht ihn zu überreden, sein Leben als Außenseiter aufzugeben. Er fragt ihn, ob er Vegetarier sei. "Nein, Ihre Exzellenz, ich bin daran gewöhnt, Fleisch zu essen. - An einer früheren Stelle in derselben Erzählung rügt der Arzt Dr. Blagogo eine junge Frau: "Wenn Sie Ihr Leben solchen Aufgaben wie der Rettung von Insekten vor der Sklavenarbeit und Abstinenz von Rinderkoteletts widmen, nun - meine Gratulation, verehrte Dame. Was notwendig ist für uns, ist zu lernen, lernen, lernen."

Eine zentrale Rolle spielt der Vegetarismus in einer Erzählung, die Ivan Bunin als eine der besten Tschechows ansah: "Der Pecheneg" (1897). Schmukhin, ein früherer kosakischer Offizier, macht während einer Bahnfahrt die Bekanntschaft eines Anwalts. Er lädt seinen Mitreisenden ein, eine Nacht in seinem Hause zu verbringen. Bei der Ankunft (und nochmals während der hastigen Abreise am nächsten Morgen) wird der Anwalt, dessen Name unbekannt bleibt, Zeuge einer Szene von äußerster Grausamkeit gegenüber Tieren. Die zwei halbwüchsigen Söhne seines Gastgebers haben ihre Freude daran, Hühner in die Luft zu werfen und sie wieder herunterzuschießen. Während des Mittagessens lehnt es der Gast ab, Wodka zu trinken und ist damit zufrieden, Brot und Gurken zu essen. "Und warum keinen Schinken?", fragt Schmukhin. "Danke, ich esse das nicht. Ich esse überhaupt kein Fleisch. "Warum nicht?" "Ich bin Vegetarier. Tiere zu töten widerspricht meinen Überzeugungen." Schmukhin fragt: "Was geschieht mit den Tieren, wenn Sie sie nicht essen?" "Sie hätten ein freies Leben." Aber was - mit Blick auf den Schinken - wäre mit den Schweinen? Sie würden sich rapide vermehren und Gärten und Felder zerstören." Die Antwort auf diese Fragen bleibt aus.
Schmukhin, der in seiner etwas primitiven Art es liebt zu philosophieren, ist vollkommen außer sich durch diese Begegnung mit dem vegetarischen Gast. Er beginnt über das Leid der Welt zu reden und gewährt seinem Gast nicht die Nachtruhe. Er schafft eine solche Missstimmung, dass der Anwalt - "trotz seiner Sanftmut" - nicht davon absehen kann, Schmukhin "in plötzlichem Ärger" zu sagen, dass er mit seinen Nerven am Ende ist; und verlässt ihn Hals über Kopf.
Nach 1917 war die Zeit für vegetarische Experimente und führende unterschiedliche Lebensstile vorüber. In einigen Städten existierten während der Zwanzigerjahre weiterhin vegetarische Restaurants, jedoch hatten vegetarische Gesellschaften Probleme, ihre Statuten offiziell genehmigt zu bekommen. 1929 wurde die Bewegung Tolstojs verboten. Einige Vegetarier zogen sich zurück auf wissenschaftlich- hygienischen Vegetarismus, indem sie sich auf gesundheitliche Probleme beschränkten. 1927 erschien in Leningrad das Magazin "Gigiena pitanija" (Hygiene der Ernährung) mit dem Untertitel "Organ der Wissenschaftlich-Hygienischen Vegetarischen Gesellschaft Leningrads". 1930 verschwand das Wort "vegetarisch" aus dem Titel.
Unter den Dichtern dieser Zeit war Majakowski einer, der gegen die ethischen Prinzipien des Vegetarismus kämpfte. Kurz vor dem 1. Weltkrieg hatte er einen Skandal in einem vegetarischen Restaurant in Moskau verursacht, in dem er Verse rezitierte, die Tolstoj und seine Lehren ins Lächerliche zogen. In seiner Autobiografie "Ich selbst" (Ja sam; 1922/1928) beschwerte er sich darüber, dass er 1915 gezwungen gewesen sei, vegetarische Nahrung zu sich zu nehmen, als er den Maler Repin in Kuokkala besuchte: "Ich esse die Kräuter von Repin - für einen Futuristen von zwei Metern Länge nicht die geeignete Kost." Nach seinem Besuch der Vereinigten Staaten im Jahre 1925 schrieb er seine literarische Skizze: "Meine Entdeckung Amerikas":
"Du kannst nicht ohne Fleisch leben und es ist nutzlos mit dem Vegetarismus zu liebäugeln. Deshalb wirst Du mitten im Zentrum von Chicago das blutige Herz finden - die Schlachthäuser." Dennoch unterstützen die Eindrücke, die Majakowski von diesen fleischproduzierenden Fabriken seinem Leser vermittelt, diejenigen von Upton Sinclair in "Der Dschungel". 1928 schrieb Majakowski eine Parodie in Versform auf die Anhänger Tolstojs mit dem Titel "Die Vegetarier". Dieses Gedicht gibt den Rat, dass vegetarische pazifistische Propaganda im Lande Chamberlains betrieben werden solle, nicht jedoch in der Sowjetunion.

(1) Johannes Haussleiter: Der Vegetarismus in der Antike. Berlin 1935; Janet Barkas: The Vegetable Passion. A History of the Vegetarian State of Mind. London 1975; Colin Spencer: The Heretic’s Feast. A History of Vegetarianism. Hannover und London (1993; 1995); Albert Wirz: Die Moral auf dem Teller. Zürich 1993; Hans-Jürgen Teuteberg: Zur Sozialgeschichte des Vegetarismus in Deutschland 1994.

Prof. Dr. Peter Brang lehrte von 1961 bis 1990 Slawische Philosophie an der Universität Zürich. Er ist Autor mehrerer Bücher über Puschkin und Turgenjew sowie über schweizerisch-slawische kulturelle Beziehungen. Seit 1924 Vegetarier, arbeitet er gerade an einer Studie über Vegetarismus in Russland.
Kontakt:
Prof. Dr. Peter Brang,
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e-mail: peka.brang@ggaweb.ch

Translated by Bettina Alexandra Geßlein

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