European Vegetarian
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Tierversuche - als Wissenschaft zu bezeichnen?

von Nick Drake

English - aus European Vegetarian, Ausgabe 2-3/2000

Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Verwendung von Tieren zu experimentellen Zwecken und versucht zu verstehen, ob oder ob nicht, es sich hierbei um wissenschaftliche Arbeit handelt, d.h. ob Versuche an lebenden Tieren in den Rahmen anerkannter Definitionen guter wissenschaftlicher Praxis fallen. Der Begriff "Tierversuch" wird dem Ausdruck "Vivisektion" vorgezogen, obgleich beide häufig synonym verwendet werden: Vivisektion kann auch Experimente an gesunden Personen einschließen, zum Zwecke des Studiums von Erkrankungen des Menschen; mit diesem kontroversen Thema wollen wir uns hier jedoch nicht beschäftigen.

Weiterhin geht es nicht darum, eine Vielzahl bestimmter Beispiele von Versuchen zu diskutieren. Viele Einzelpersonen und Organisationen haben über solche Arbeiten viele Male zuvor geschrieben und dies ist der Öffentlichkeit zugänglich. Statt dessen werden grundsätzliche Prinzipien der wissenschaftlichen Methode vorgestellt, mit dem Ziel die Frage zu beantworten: "Sind Tierversuche wissenschaftlich?"

Was ist Wissenschaft?
Nach einer kurzen Definition ist Wissenschaft "eine organisierte und systematische Aktivität, die Wissen über die Welt sammelt und dieses Wissen in überprüfbaren Gesetzen und Regeln zusammenfasst". Der bedeutende Biologe, E.O. Wilson, definiert fünf diagnostische Schritte, welche Wissenschaft von Pseudo-Wissenschaft zu unterscheiden vermögen.

Wiederholbarkeit:
Dasselbe Phänomen wird erneut angestrebt, vorzugsweise durch unabhängige Untersuchung, und die Interpretation, die es begleitet, wird mittels Analyse und Versuch bestätigt oder verworfen.

Wirtschaftlichkeit:
Information wird in der einfachsten, ästhetisch gefälligsten Form herausgezogen - wissenschaftliche Abstraktionen sind "elegant".

Messbarkeit:
Verallgemeinerungen können unzweideutig gemacht werden, wenn etwas korrekt unter Verwendung allgemein anerkannter Messmethoden gemessen werden kann.

Heuristik:
Die beste Wissenschaft regt zu weiteren Entdeckungen an, häufig in unvorhersehbar neue Richtungen, und neues Wissen sorgt für eine zusätzliche Prüfung der ursprünglichen Prinzipien, die zu seiner Entdeckung führten.

Übereinstimmung:
Die Erklärungen verschiedener Phänomene, deren Fortbestand am wahrscheinlichsten ist, sind diejenigen, die miteinander verbunden werden können und sich als miteinander übereinstimmend erwiesen haben.

Folgen Tierversuche diesen Prinzipien?
Wissenschaftler führen Experimente durch, um besondere Fragen zu untersuchen. Dies ist beim Tierversuch nicht möglich --- das Tier ist ein vollständiges, lebendes System. Die wissenschaftliche Methode kommt am besten zur Anwendung, indem man einen Parameter in einem Experiment variiert und dabei sicherstellt, das alles andere konstant bleibt und beobachtet, wie diese einzige Veränderung das Gesamtsystem beeinflusst. Tiere sind komplexe Systeme: wir wissen nicht, wie wir isolierte spezifische Eigenschaften in einer lebenden Kreatur isolieren sollen, während wir alles Sonstige unverändert lassen.

Der Tierversuch und die wissenschaftliche Methode
Tierversuche sind nicht wissenschaftlich. Sie entsprechen nicht den fünf oben aufgezählten diagnostischen Schritten. Es gibt kein experimentelles Modell für die menschliche Art: alle Arten und selbst Einzelne innerhalb einer Art unterscheiden sich voneinander und es gibt keinen bekannten Weg, experimentelle Beobachtungen akkurat, zuverlässig und wiederholt von einer Art auf eine andere zu extrapolieren.

Experimente an vollständigen, lebenden Tieren (einschließlich solcher an Menschen) sind im allgemeinen nicht reproduzierbar. So kann zum Beispiel das Alter des Tieres verschiedene, unvorhersehbare Ergebnisse durch denselben Reiz hervorrufen. Die Tages- oder Jahreszeit und die Haltungsbedingungen der Tiere können die Ergebnisse selbst einfacher Tests verändern. Solche Ergebnisse sind an sich falsch innerhalb der betroffenen Art - es wäre sinnlos, sie auf eine andere Art zu extrapolieren.

Vielleicht ist die Wahl des Tieres für jeden Versuch noch alarmierender. Das Innenministerium gibt an, dass 1998 annähernd 2,5 Millionen Tiere in wissenschaftlichen Verfahren benutzt wurden (und es wird geschätzt, dass mindestens weitere vier Millionen als "Abfall" getötet wurden, - gezüchtet, jedoch niemals zu Versuchszwecken eingesetzt). Mehrheitlich handelte es sich hierbei um Ratten und Mäuse. Jedoch hatte man nicht Ratten und Mäuse gewählt, weil diese die ähnlichsten biochemischen Reaktionen verglichen mit denjenigen des Menschen zeigten, sondern eher deshalb, weil sie billig sind und schnell gezüchtet werden können. Wissenschaftlich betrachtet würde man erwarten, dass Versuche für die das Motiv eine Erkrankung des Menschen ist, an Menschen, die an solchen Krankheiten leiden, durchgeführt werden; die zweitbeste Wahl wären gesunde Menschen, die sich freiwillig zur Verfügung stellen, und wenn keine Person hierfür vorhanden ist, so wäre die Entscheidung für das Meerschweinchen, den Schimpansen und andere Primaten noch die am wenigsten schlechte Entscheidung für ein Tier. Die Haltung von Schimpansen ist jedoch teuer, ihre Züchtung schwierig und sie können weit schlimmer zubeißen als jede Maus. Wissenschaft ist kein Hauptfaktor, wenn es darum geht, die Subjekte der Experimente an lebenden Tieren auszuwählen. Tierversuche sind im wissenschaftlichen Sinne nicht ökonomisch.

Die "Methode" des Tierversuchs arbeitet nach folgendem Prinzip: ein Forscher versucht nach Vorbild einer Erkrankung des Menschen, diese bei einer anderen Art zu erzeugen, eventuell indem er einen pathogenen Wirkstoff einimpft. Hieraus entwickelt sich eine Infektionskrankheit bei dem Tier, die sich von der beim Menschen vorkommenden Form unterscheidet, die der Forscher versucht, mit einer Vielzahl von Arzneidrogen zu heilen. Mit anderen Worten: diese Methode bringt mit jedem Schritt Fehler, die sich geometrisch multiplizieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendeine für das "Tiermodell" gefundene Form der Heilung mit tolerierbaren geringen Nebenwirkungen auf den Menschen übertragbar ist, nähert sich der Nulllinie mit jeder Handlung, die der Forscher unternimmt. Darüber hinaus gibt es keine "allgemein anerkannten Maßstäbe", die es erlauben würden, die bei einer Art gemessenen Reaktionen auf diejenigen einer anderen Art anzuwenden. Verallgemeinerungen von Tierversuchen sind niemals eindeutig.

Es spricht jedoch einiges dafür, Tierversuche als heuristisch zu bezeichnen, denn es gibt deutliche Beispiele für zufällig gemachte, nicht erwartete Entdeckungen. Aber viele dieser Entdeckungen sind Beobachtungen unerwarteter Ergebnisse, z.B., dass ein Arzneimittel den gegenteiligen Effekt des vorausgesagten hat. Solche Entdeckungen widersprechen fast immer den Originalprinzipien oder -hypothesen; die Arbeit ist nicht wirklich heuristisch.

Moderne Labors versuchen Experimente reproduzierbar zu machen, in dem sie Tiere benutzen, die so weit wie möglich dem Standard entsprechen. Den Tieren werden standardisierte Nahrungsmittel verabreicht und ihre Haltungsbedingungen sind so identisch wie möglich. Das Ergebnis sind jedoch keine der Norm entsprechenden Tiere, sondern abnormale, sogar kranke Tiere, deren natürliche Impulse durch derartige Standardisierung gelähmt wurden. Es wäre in höchstem Maße unrichtig Analogien zwischen solchen Tieren und dem Menschen herzustellen, dem es in den meisten Fällen gelingt, unterschiedliche Nahrung zu sich zu nehmen, alles ihn Umgebende zu berühren und der täglich unzähligen, willkürlichen Substanzen ausgesetzt ist.

Biomedizinische Forschungsmethoden
Es ist wichtig, sich zu verdeutlichen, dass es keine "Alternativen" zum Tierversuch gibt, da solche Methoden als gleichermaßen gültig angesehen würden und somit wissenschaftlich keinen Wert hätten. Es gibt jedoch viele wissenschaftliche biomedizinische Forschungsmethoden:

Zell- und Gewebekulturverfahren finden vielfach Anwendung in der Forschung und haben ein großes Potenzial, viele unzufriedenstellende an Tieren durchgeführte Verfahren zu ersetzen. So müssen zum Beispiel Substanzen, die zum menschlichen Gebrauch vorgesehen sind, Testverfahren auf Toxizität an menschlichen Zellen und Gewebekulturen unterzogen werden. Gegenwärtig werden viele dieser Toxizitätsprüfverfahren immer noch am ganzen lebenden Tier, also nicht der menschlichen Art zugehörigen Lebewesen, durchgeführt!

Epidemiologie - das Studium von Erkrankungen innerhalb ganzer Bevölkerungsgruppen - kann zu einer gewaltigen Erweiterung des Wissens mit hoher Genauigkeit und geringem Risiko führen. Erhebliche Fortschritte in unserem Verständnis von zum Beispiel Krebs und HIV könnten einfach durch Beobachtung ihrer charakteristischen Merkmale innerhalb spezifischer Bevölkerungsgruppen erreicht werden. Statt dessen werden derzeit riesige Geldsummen für Laborforschung für Heilmittel zur Behandlung solcher Beschwerden ausgegeben, bevor wir irgendein tieferes Verständnis ihrer Verbreitung innerhalb der Gesellschaft haben.

Die Erstellung von DNA-Profilen ist sicherlich umstritten, wird jedoch unzweifelhaft ein wichtiges Verfahren für die pharmazeutische Industrie werden. Es ist wahrscheinlich, dass in Zukunft Verschreibungen auf jeden Patienten gemäß seiner DNA-Analyse der voraussichtlichen Reaktionen auf verschiedene Arzneimittel zugeschnitten werden und im Prinzip könnte wenigstens dies sowohl Testprogramme mit Tieren als auch mit Menschen deutlich reduzieren.

Der Einsatz von Computern erlaubt dem Forscher viel mehr mögliche Kombinationen potenzieller Medikation zu erforschen als sie jedes Laborforschungsprogramm zur Verfügung stellen könnte.

Zusammenfassend kann man sagen, dass das natürliche Modell für Erkrankungen des Menschen der kranke Mensch ist, nicht das gesunde Tier oder für diesen Zweck gezüchtete Tiere, die durch Nachahmung einer Krankheit des Menschen krank gemacht wurden. Es ist traurig, dass eine Vielzahl von Menschen weltweit von Krankheit betroffen ist und viele Krankheiten existieren, für die wir immer noch bessere Vorsorge und / oder Heilmöglichkeiten benötigen. Dies ist eine Situation, die sich nicht verbessern wird, solange Regierungen, Universitäten und Pharma-unternehmen weiterhin fälschlicherweise ihre Forschungsbemühungen auf Tierexperimente konzentrieren. Forscher müssen sich auf die Suche nach den Kranken machen, wo immer diese weltweit zu finden sind, und sich mit ihnen im Kampf um die Verbesserung der Gesundheit des Menschen verbünden.

Schlussfolgerung
Tierversuche sind schlechte, faule Pseudowissenschaft, die durch zahlreiche wissenschaftlich exakte Methoden, wie z.B. klinische Beobachtung, Epidemiologie, Zell- und Gewebekulturstudien sowie mathematische Modelle ersetzt werden können. Durch Studien an Tieren erhaltene und auf Menschen übertragene Ergebnisse können immer nur mit nachträglicher Einsicht interpretiert werden. Wir können niemals im voraus wissen. ob eine Substanz oder eine Verfahrensweise, die bei der einen Art wirkt, ebenso bei einer anderen Wirkung zeigen wird.

Aus wissenschaftlicher Sicht sind Tierversuche unlogisch und führen zu Ergebnissen, die nicht frei reproduzierbar sind. Sie folgen nicht dem Standard wissenschaftlicher Methodik. Medizin sollte sich nicht durch Versuch und Irrtum fortentwickeln, weil "Fehler" menschlich sind und Tiere Lebewesen.

Interessante Zitate
"Kein experimenteller Forscher kann ein einziges nützliches Faktum bezüglich Erkrankungen des Menschen liefern." (D.A. Long, 1954, British National Institute for Medical Research (Institut für Medizinische Forschung in Großbritannien)

"Die Vorstellung ist nach meinem Verständnis, dass in Labortests an niederen Tieren fundamentale Erkenntnisse gewonnen und dann auf die Probleme des erkrankten Patienten übertragen werden. Da ich selbst als Physiologe ausgebildet wurde, fühle ich mich auf eine Weise kompetent, einen solchen Anspruch zu beurteilen. Er ist schlichtweg Unsinn." (G. Pickering, 1964, Universität Oxford)

"Es war reines Glück, dass wir bei den ersten Toxizitätstests Mäuse benutzten, denn wenn wir Meerschweinchen verwendet hätten, so wären wir zu dem Ergebnis gekommen, dass Penizillin toxisch ist." (Kommentar von Sir Howard Florey, der gemeinsam mit Fleming und Chain den Nobelpreis für die Entdeckung des Penizillins erhielt).

Quellenangabe:
Croce P., 1999, Vivisection or Science (Vivisektion oder Wissenschaft) - An investigation into testing drugs and safeguarding health. (Eine Untersuchung über Testverfahren für Arzneidrogen und den Gesundheitsschutz), Zed Books, London.

Der Autor, Nick Drake, hat Erfahrungen als Forscher im naturwissenschaftlichen Bereich und studierte wissenschaftliche Methodik und Verfahrensweisen an verschiedenen Universitäten Großbritanniens.

Warum werden in einer hochentwickelten, zivilisierten Welt, Tierversuche immer noch toleriert? - Vielleicht, weil solche grundsätzlichen Wahrheiten wie ihre nicht-wissenschaftliche Natur selten bis zur Mehrheit der Bevölkerung durchdringen. Verbreiten Sie also die Botschaft: Nachprüfbare Wahrheit hat die größte Macht - und siegt schließlich! (sf)

Anmerkung bezüglich des Nachdrucks: Dieser Artikel unterliegt nicht dem Copyright und kann durch jedes Medium auf rein nicht-kommerzieller Basis frei verfügbar gemacht werden. Wenn Sie weitere Exemplare oder eine E-mail-Version wünschen, nehmen Sie Kontakt auf mit cuniculus@btinternet.com

Translated by Bettina Alexandra Geßlein

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